Begleiter mit Ausstrahlung

Dennis Buchmann – 8. Dezember 2006 – 15:52
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Nur Licht und Gravitation, sagen die Wissenschaftler.
Auch Kraft und Einfluss, kontern die Mondgläubigen.
An Argumenten mangelt es beiden nicht.

Der Duft von kaltem Weihrauch hängt im Raum. Dicht an dicht drängen sich dürre, mürrisch dreinblickende Holzfiguren aus Afrika. Ein schwarzes Kissen liegt vor einem niedrigen Tisch, darauf eine Schale mit Steinen und Muscheln. „Hier habe ich vor kurzem mit meinen Geistern die Anschaffung eines Autos besiegelt“, sagt Luisa Francia. „Bei Vollmond.“

Die 57-jährige Münchnerin nennt den Raum ihr Spielzimmer. Durch die beiden Fenster spende der Mond ihr bei den
Sitzungen spirituelle Energie, sagt sie. „Am besten benutzt man den Mond im Stier, Löwen, Skorpion und Wassermann, dann hat er am meisten Kraft.“ Oft rufen daraufhin ihre Freunde an und fragen: „Hey, es ist doch Vollmond, wollen wir nicht was machen?“ Am liebsten tanzen sie dann zusammen auf den Kiesbänken der Isar um ein Lagerfeuer. Gerne auch nackt. „Sich monden“, nennt Luisa Francia das. „Alle tun ihrem Körper Gutes, indem sie sich sonnen. Warum“, fragt sie, „tut niemand etwas für seine Seele und mondet sich?“

Luisa Francia und ihre Freunde gehören zum harten Kern der Mondgläubigen in Deutschland. 91 Prozent der Bundesbürger glauben laut einer Forsa-Umfrage, dass der Mond Einfluss auf den Menschen hat. Nicht alle von ihnen tanzen im Silberlicht nackt über Wiesen, aber immer mehr lassen ihrem Glauben Taten folgen: Mondkalender weisen ihnen den Weg durch Jahr und Tag. Für einen Mittwoch im September steht da: „Kein Fleisch. Nagelbettkorrekturen. Haare schneiden! Gut für Dauerwellen! Achten Sie auf Salz. Auf Schmelzkäse verzichten. Waschmittel geringer dosieren. Wichtig: erhöhte Vorsicht im Straßenverkehr!“ Außerdem sei an dem Tag das Einsetzen von Zahnkronen günstig.

Ich habe mir in dem Zeitraum einen Termin beim Zahnarzt geben lassen“, sagt Georg Hirschbolz, „und das Einsetzen der Kronen verlief völlig problemlos“. Seit über 30 Jahren bietet der Friseurmeister in seinem Salon in München mondgerechte Haarschnitte und Kosmetik an. Dabei kommt es nicht darauf an, in welchem Sternzeichen man geboren ist, sondern nur, in welchem der Mond gerade steht. Für den Geldbeutel steht er besonders günstig, wenn von Schneiden und Färben abzuraten ist: Dann sind Schnäppchentage bei Friseur Hirschbolz – für jene Kunden, die nicht an die Mond-Haare-Verbindung glauben. Doch laut Hirschbolz richtet sich die Hälfte seiner Kunden terminlich nach dem Mond, Tendenz steigend.

Schon immer gab der Mond den Takt vor. Besonders, als die Wissenschaft die Erde noch nicht bis ins letzte Atom erklären konnte, als noch kein elektrisches Licht die natürliche Dunkelheit des Nachthimmels aufweichte. Damals war der Mond noch wer: Die Menschen beteten ihn an und richteten ihr Leben nach seinem Rhythmus aus – wie Luisa Francia noch heute. Zahllose Mythen wurden ihm angedichtet, um das Unerklärliche zu erklären. Warum strahlt die Sonne so hell und der Mond nur blass des Nachts? Die Massai in Kenia sagen, Sonne und Mond hätten sich so sehr geprügelt, dass die Sonne sich nachher ihrer Blessuren schämte. Sie strahle so hell, damit ihr niemand direkt ins Gesicht sehen könne. Der Mond aber zeige ohne Scham seinen zerschlagenen Mund, über dem ein Auge fehle.

In einigen Ländern geht man davon aus, dass der Mond so fleckig ist, weil er misshandelt wurde: in Peru von einem Fuchs übel zugerichtet, in Argentinien von einem Jaguar angegriffen und in Mexiko von einem Hasen zerkratzt. In Rumänien wurde er der Sage nach mit Kuhfladen beworfen, und ein brasilianisches Indianervolk vermutet, das Mondgesicht sei mit kochendem Wasser verbrüht worden.

Früher wurden dem Mond große Kräfte zugeschrieben. Durch Opfer versuchte man, ihn milde zu stimmen. So wurde im östlichen Kaukasus ein Jahr lang ein Sklave gemästet, um dann zur Ehre des Mondgottes getreten und erstochen zu werden. Die Zeremonie hat in Georgien in harmloserer Form bis heute überdauert: Am Fest des heiligen Georg wirft sich ein Pilger vor die Kirchentür. Wer hineingeht, soll auf ihn trampeln.

Obwohl der Mond für die Wissenschaft nur der leblose Erdtrabant ist, lassen sich immer noch zahlreiche Menschen von ihm verzaubern. Ein Mond-Markt liefert ihnen passende Produkte. Das Autorenpaar Johanna Paungger und Thomas Poppe hat seinen Mondratgeber „Vom richtigen Zeitpunkt“ 2,5 Millionen Mal allein in deutscher Sprache verkauft, in 22 weitere wurde er übersetzt. Vom richtigen Zeitpunkt profitiert auch ein Herr Ludwig im osthessischen Schlüchtern. Einmal im Monat stellt er 20 Kilogramm Vollmond-Salami her. Er selbst sei kein mystisch angehauchter Typ, sagt der Fleischermeister, aber der Verkauf laufe gut. Die Andechser Molkerei beliefert Bioläden mit Mondscheinkäse, der nur an „Lichtblüten- und Wärmefruchttagen“ gekäst wurde. Auch Vollmondbiere sind auf dem Markt. Die Wolfshöher Privatbrauerei im fränkischen Neunkirchen bewirbt ihre Spezialität halbjährlich mit einer Vollmond-Bier-Party. Und die Bauern der Ökomarke Demeter bauen auf „kosmische Rhythmen“ bei der Bestellung ihrer Felder. „Möhren bringen nach der Aussaat vor Vollmond besonders gute Erträge und sind optimal lagerfähig, während Kartoffeln dabei Mindererträge zeigen“, heißt es bei Demeter.

Hartmut Spieß vom Institut für Biologisch-Dynamische Forschung im hessischen Bad Vilbel fiel das Möhrenwachstum 1994 auf. Bei seinen Saatzeitversuchen kam er zu dem Ergebnis, dass der Ernteertrag von Möhren um 14 Prozent stieg, wenn diese ein bis drei Tage vor Vollmond gesät worden waren. Doch Gemüse ist nicht gleich Gemüse: Bei Kartoffeln verzeichnete er im selben Versuch Verluste von elf Prozent. „Pflanzen reagieren unterschiedlich auf Mondlicht“, sagt Spieß.

Wie der Mond-Gemüse-Mechanismus im Detail funktioniert, ist noch nicht geklärt. Und ob es wirklich der Mond war, der die Ernten beeinflusste, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Es gibt auch eine Untersuchung, die belegt, dass in Orten, in denen Störche nisten, mehr Kinder zur Welt kommen. Die Faktoren korrelieren. Doch hängen sie auch kausal zusammen? Ist es Adebar, der die Kinder bringt?

Für Edgar Wunder, Geschäftsführer der Gesellschaft für Anoma-
listik in Sandhausen bei Heidelberg, ist klar: „Der Möhrenversuch bedarf einer unabhängigen Nachuntersuchung.“ Doch bis heute hat sich kein anderer Wissenschaftler die Mühe gemacht. Das Experiment von Spieß ist eines von vielen, die hier und da Mondeinflüsse nachzuweisen versuchen. „Eine koordinierte Forschung“, sagt Wunder, „hat es nie gegeben“.

Der Soziologe hat bereits über 600 wissenschaftliche Arbeiten des Themenkreises „Angebliche Mondeinflüsse auf den Menschen“ gesammelt und überprüft. Seine Recherche ergab: Bei Vollmond sind die Menschen nicht aggressiver. Weder die Zahl der Autounfälle noch die der Geburten nimmt mit dem Mond zu. Das Risiko bei Operationen schwankt nicht mit dem Mondlicht. Und die Zahl krimineller Delikte ist bei allen Mondphasen gleich. Letzteres wusste der Leiter der Schutzpolizei in Ludwigshafen im Jahr 1989 noch nicht. Er glaubte, eine Zunahme von Delikten bei Vollmond feststellen zu können – und erließ eine Urlaubssperre für diese Zeit.

Selbst Schlafwandler werden bei Vollmond nicht häufiger aktiv als sonst. Zwar ist es das Licht, das die Somnambulen aus den Betten zieht. Doch ist es ihnen egal, ob es der Mond ist, der scheint, oder eine Straßenlaterne. Wie Motten fühlen sie sich von jeder Art Lichtschein angezogen. In Zeiten von Öllampen und Paraffinfackeln war der Vollmond jedoch die dominante Lichtquelle bei Nacht. Weil sich die Schlafwandler zur Orientierung danach richteten, nannte man sie auch Mondsüchtige. Manche Menschen kommen in Vollmondnächten gar nicht erst zur Ruhe.

Das liegt weniger am Mond als an den Menschen: Self-Fulfilling Prophecy nennen Wissenschaftler das Phänomen. Schläft man einmal bei Vollmond schlecht, wird dem Erdtrabanten gerne die Schuld gegeben. Beim nächsten Mal erinnert man sich an jene unruhige Nacht – und kann wieder nicht schlafen. Heute glaubt die Hälfte der deutschen Frauen, dass der Mond Einfluss auf ihren Schlaf hat, bei den Männern sind es 27 Prozent. Vor 50 Jahren waren es 23 Prozent der Frauen und 21 Prozent der Männer.

Oft bringen Mondgläubige ein scheinbar starkes Argument, so auch Luisa Francia: „Der Mensch besteht zu über 70 Prozent aus Wasser, und der Mond hat so enorme Kräfte, dass er ganze Ozeane bewegen kann. Wieso sollte seine Kraft da nicht auch auf den Menschen wirken?“ Doch gerade weil der Ozean so groß ist, kann der Mond in Gravitations-Gemeinschaftsarbeit mit der Sonne für den Tidenhub sorgen. Die menschlichen Zellen, in denen das Wasser frei beweglich ist, sind hingegen viel zu klein. Die Anziehungskraft des Mondes kann keine Auswirkungen auf sie haben.

Bei Frauen dauert der Menstruationszyklus mit 29,5 Tagen fast genauso lang wie der Mondzyklus. Wieso nicht nur ein paar Tage, so wie bei der Maus? Oder gar 15 Wochen, wie bei Elefantendamen? Der Nachweis über die Abhängigkeit des menschlichen Menstruationszyklus von den Mondphasen ist bis heute nicht erbracht. Das kümmert Luisa Francia nicht. Für sie ist klar: „Am angenehmsten ist die Menstruation um Neumond rum. Das ist der natürliche Zeitpunkt.“ Bei Vollmond sei dann der Eisprung dran, „menstruierend aber wird man in dieser Zeit fast wahnsinnig!“

Alles Humbug? Versuche aus den 60er Jahren deuten darauf hin, dass der Mond eine Rolle bei der Regulierung des weiblichen Zyklus spielt. Professor Edward Dewan aus Boston untersuchte damals Frauen, die an Unregelmäßigkeiten litten. In der Mitte ihres Zyklus ließ er die Frauen drei bis vier Nächte unter dem indirekten Licht einer Lampe schlafen – und die Zyklen normalisierten sich.

Ganz natürlich ist der Mondzyklus für etwa 600 Tier- und Pflanzenarten. Korallen eines Riffes beispielsweise orientieren sich an der Wassertemperatur, der Tageslänge und der Mondphase, um synchron einmal im Jahr massenhaft Ei- und Spermienpakete ins Meer abgeben zu können. Der
Palolo-Wurm, auch ein Meeresbewohner, vermehrt sich stets in der Woche nach dem Oktobervollmond – ebenfalls massenhaft und synchron. Doch auch an Land und in der Luft, bei Ziegen, Schmetterlingen, Antilopen, Eisfüchsen, Goldhamstern, Bienen und Büffeln haben Wissenschaftler Indizien für lunar gesteuerte Verhaltensmuster aufgespürt. Meistens in Zusammenhang mit dem Fortpflanzungsverhalten.

Sicher ist, dass der Vollmond ein Motor der Gezeiten ist. Und dass er von der Sonne angestrahlt wird. Tier und Mensch verhalten sich dann recht unterschiedlich: Die Feldmaus zum Beispiel traut sich bei Vollmond kaum aus dem Nest, um nicht von Fressfeinden im Licht gesehen zu werden. Luisa Francia dagegen nimmt demonstrativ ein Mondbad im Freien. Sie sagt: „Der Mond ist nichts, was man unbedingt braucht, aber etwas, das viele Menschen glücklich macht."

Manchmal ganz ohne ihr Zutun: Nachdem Luisa Francia bei Vollmond von ihren Geistern die Zustimmung zum Autokauf bekam, ging sie weder zum Händler noch las sie Kleinanzeigen. „Drei Tage später stand genau der richtige Wagen zum Verkauf in der Straße um die Ecke.“