Bei jeder Katastrophe dabei (Die Zeit)
Zwei grüne Wiesen, jede Menge Gebüsch, dazwischen fließt ein Fluss. Wo normalerweise Pferde weiden, übt das Technische Hilfswerk (THW) an einem Samstag, wie man aus Gerüstbaustangen eine Brücke baut. Neun Meter lang und freitragend soll sie werden und bei längeren Einsätzen im Hochwasser oder bei Sturmfluten zerstörte Übergänge ersetzen. Die meisten der 14 Helfer sind keine gelernten Handwerker. Sie arbeiten in Schreibtischjobs oder studieren alles Mögliche von Politik bis Meteorologie. Julien Diebel hatte vor seiner Basisausbildung beim THW noch nie eine Motorsäge in der Hand. Zum Hilfswerk kam er vor knapp zwei Jahren, um der Bundeswehr zu entgehen. » Ich hatte keine Lust, ein Jahr zu warten, sondern wollte gleich nach dem Abitur mit meinem Studium als Medientechniker beginnen.«
Wer sich verpflichtet, sechs Jahre lang jeweils 120 Stunden für das THW zu arbeiten, kann sich vom Kreiswehrersatzamt freistellen lassen. Dafür meldet er sich am besten beim Ortsverband in seiner Nähe. Etwa 30 Prozent der 80000 Helfer in Deutschland kommen so zum Hilfswerk. Der Rest engagiert sich freiwillig. Wenn ein Einsatz ansteht, müssen die Mitglieder laut Gesetz von ihren Arbeitgebern freigestellt werden. Ansonsten treffen sich die Ortsverbände in der Regel einen Abend die Woche. Dann werden Geräte gereinigt, oder der Hof wird gekehrt, aber es werden eben auch zur Übung Bäume gefällt, Menschen geborgen und Brücken gebaut. Großereignisse wie das Elbehochwasser 2002 lösten regelrechte Eintrittswellen beim THW aus, trotzdem kann das Hilfswerk immer Nachwuchs gebrauchen.
Vorkenntnisse braucht nur, wer mit einem der Generatoren arbeiten möchte. Die erzeugen so viel Strom, dass sie ein kleines Dorf mit Elektrizität versorgen können. Auch für die meisten Aufgaben im Ausland werden bestimmte Berufsgruppen gesucht. Ansonsten gilt: Wer beim Technischen Hilfswerk helfen möchte, sollte gesund sein und keine Scheu vor technischen Geräten und Abkürzungen haben. Der Ortsverband heißt OV, Arbeitshandschuhe, Helm und Jacke nennen sich PSA Persönliche Sicherheitsausstattung. Außerdem gibt es noch die GTA, die Ganztagesausbildung, oder die UVV, die Unfallverhütungsvorschrift. Denn obwohl hier fast nur Freiwillige arbeiten, ist das THW eine Bundesanstalt. Deswegen freut sich Stephan Bourst über jeden, der nicht nur das Abenteuer sucht, sondern auch in der Verwaltung hilft. Bourst ist Ortsbeauftragter in Hamburg-Eimsbüttel und seit 25 Jahren beim THW. Die Wände seines Verbandshauses sind voller Fotos und Urkunden - bei fast jedem Einsatz war Bourst dabei: Bei der Elbeflut 1997, als sie die Logistik für einen gesamten Deichabschnitt organisierten, bei einem Absturz eines Hubschraubers 2002, als Bourst mit seiner Gruppe Leichenteile bergen musste, und beim Stromausfall in Nordrheinwestfalen im vergangenen Winter, als sie eine Woche lang mit dem Notstromaggregat vor Ort waren. Der letzte größere Einsatz war der G8-Gipfel, bei dem die Beleuchtungsgruppe den Hubschrauberlandeplatz angestrahlt hatte.
Bourst hat eigentlich Urlaub, von seiner Arbeit und dem THW, aber er fährt trotzdem aufs Land, um seinen Kollegen beim Bau ihrer Übungsbrücke zuzuschauen. Das Grundstück gehört einem befreundeten Bauern. Auf der Wiese stehen zwei Lkw, vollgepackt mit Schrauben, Brettern, Seilen, Pumpen, und ein Anhänger mit dem Gerätebausystem. Gerade wird der erste frei schwebende Ausläufer gebaut. Julien Diebel steht, mit Schwimmweste, auf einem 30 Zentimeter schmalen Einlegeboden etwa zwei Meter über dem 13 Grad kalten Wasser und versucht, eine Stange über seinem Kopf zu befestigen. Zwei Kollegen stehen mit Rettungsringen bereit. Sandra Hansen sichert Diebel vom Land aus mit einem Seil. » Gruppenführerin« steht auf ihrem Rücken in schwarzen Buchstaben auf neongelbem Grund. Hansen ist eine der sieben Frauen im THW Eimsbüttel und leitet die erste Bergungsgruppe, eine Schnelleinsatzgruppe, die bei Katastrophen als Erste an den Einsatzort fährt. Jeder der 665 Ortsverbände hat mindestens eine Bergungsgruppe und je nach Größe einige Fachgruppen, die sich mit Pumpen auskennen, mit Beleuchtung oder Gefahren im Wasser. Im Lkw der Schnelleinsatzgruppe findet sich von allem etwas: von kleineren Pumpen bis zu großen Lampen. Sandra Hansen weiß genau, in welcher Kiste was verstaut ist, und hat kein Problem damit, im Sturm Bäume zu fällen oder auf Dächer zu klettern: »Für mich sind das die letzten großen Abenteuer. Eine Möglichkeit, die eigenen Grenzen auszutesten.« Die 24-Jährige, die eigentlich in einem Büro arbeitet, kam vor zehn Jahren durch zwei Freundinnen in die Jugendgruppe des Hilfswerks und ist geblieben. Sie hat Spaß an all dem technischen Gerät, mag die Teamarbeit und möchte sich sozial engagieren. Zu ihrer Gruppe gehören neun Leute, die im Ernstfall auf ihr Kommando hören. Bis jetzt sind Frauen beim THW noch eine Seltenheit. Die Quote liegt bei acht Prozent, angestrebt werden mindestens 15.
Als die Brücke endlich das Ufer der anderen Seite erreicht, ist es Abend. Das neue Land wird Eimsbüttika getauft. Nachdem die Metallfüße fest auf der Erde stehen, läuft jeder ein paar Mal andächtig von einem Ufer zum anderen. Sechs Stunden haben sie gebraucht, obwohl im Handbuch zum Einsatzgerüstsystem von 90 Minuten die Rede war. Die T-Shirts sind unter den dicken Schutzjacken durchgeschwitzt, ebenso wie die Haare unter den Helmen. Dann setzen sich alle für ein Foto auf ihre Brücke und lassen die Beine über den Fluss baumeln. Nur schade, dass sie in zehn Minuten schon wieder alles abbauen müssen. » Es ist natürlich schön, wenn nichts passiert«, meint Diebel, »aber man will auch nicht immer nur üben.«

