Der Langstreckenläufer (Polixea-Portal.de)
Als frisch gewählter Generaldirektor der WTO soll der Franzose Pascal Lamy die festgefahrenen Handelsgespräche auf der Zielgeraden zum Erfolg führen
Pascal Lamy ist keiner, dem so schnell die Puste ausgeht. Im September 2005 ist der drahtige Franzose, der leidenschaftlich gerne Marathon läuft und sein Privatleben unter Verschluss hält, zum neuen Generaldirektor der Welthandelsorganisation (WTO) gewählt worden.
Eine gute Kondition hat der 58-jährige Sozialist schon als Mitglied der EU-Kommission bewiesen: Lamy war von 1994 bis 1999 EU-Handelskommissar und in diesem Amt ein zäher Teilnehmer der WTO-Verhandlungsrunden. Bereits zu jener Zeit setzte er sich für den liberalen Handel und offene Märkte ein. Damit widerlegte er das Vorurteil, als Franzose eine protektionistische Attitüde zu haben und durch hohe Schutzzölle den Import einschränken zu wollen.
"Diese Organisation ist mittelalterlich"
Nach dem Scheitern der Ministerkonferenz von Cancún nahm der Handelsdiplomat Lamy kein Blatt vor den Mund und sagte über die WTO:
"Diese Organisation ist mittelalterlich. Ihre Prozeduren, ihre Regeln werden dem Gewicht ihrer Aufgabe nicht gerecht. Es gibt keinen vernünftigen Weg die Diskussionen unter den 148 Mitgliedern zu steuern, dass sie zu dem Konsens führen, der die Grundregel der Organisation bleibt."
Zwei Jahre später bekleidet Lamy selbst das höchste Amt, das die WTO zu vergeben hat. Er, der Franzose und Europäer, wurde einstimmig gewählt. Vor allem die Entwicklungsländer setzen große Hoffnungen in den neuen Generaldirektor, der angekündigt hat, "den Handel mehr für Entwicklung arbeiten zu lassen. Regeln in einer Art und Weise zu bilden und umzusetzen, dass sich die Entwicklungsländer nicht als Opfer sondern als Profiteure dieses Systems fühlen können."
Kaum Macht, aber Einfluss
Viel Macht hat ein WTO-Generaldirektor nicht, und Lamy hat mit dem von ihm gerügten Zwang zur Einstimmigkeit zu kämpfen. Profil kann der Mann mit den markanten Zügen seinem Amt dennoch verleihen: Durch den Vorsitz den "Trade Negotiations Committee", über das die Arbeiten der einzelnen Verhandlungsrunden der Doha-Runde gesteuert werden, kann Lamy Einfluss nehmen: Die Tagesordnung mitgestalten, Initiativen ergreifen und zwischen den Mitgliedsstaaten vermitteln. Der Langstreckenläufer gilt als intelligenter, dynamischer Verhandlungsführer und ausgezeichneter Manager. Er weiß die Kompetenzen zu nutzen, mit denen ihn das Amt ausstattet; wie er auch seine exzellente Ausbildung an drei französischen Eliteschulen zu nutzen wusste:
Mit 28 Jahren begann Lamy seine Beamtenlaufbahn in der Pariser Finanzdirektion - und arbeitete sich nach oben: Die "machine intellectuelle", wie der akribische Beamte von seinen Landsleuten genannt wird, machte Jaques Delors, zu jener Zeit Wirtschafts- und Finanzminister, auf sich aufmerksam. 1985 wurde Jaques Delors Präsident der EU-Kommission und ernannte den jungen Beamten mit der Fähigkeit zum präzisen Formulieren zu seinem Kabinettschef. In der Wirtschaft machte Lamy 1994 Zwischenstation. Durch seine Zähigkeit stieg er vom Mitglied des Arbeitsstabes zur Sanierung der Bank Crédit Lyonnais zu deren Generaldirektor auf, bevor er 1999 als Handelskommissar in die EU zurückkehrte.
Der Generaldirektor der WTO ist überzeugter Europäer: Als Ehrenpräsident der Stiftung Notre Europe engagiert er sich für die Erforschung europäischer Zukunftsperspektiven, auch wenn er Europa in seinem neuen Amt einiges abverlangt:
Lamy hat schon bei seiner Vorstellung als Kandidat erklärt: "Der Abschluss der Doha-Runde hat Priorität Nummer eins, Nummer zwei und Nummer drei." Die 2001 in Doha begonnene Welthandelsrunde sieht die Liberalisierung des Welthandels vor. Den Entwicklungs- und Schwellenländern wurde eine gerechtere Beteiligung am weltweiten Handel zugesichert. Kernbereiche der Liberalisierung sind die Landwirtschaft, Industriegüter und Dienstleistungen. Besonders problematisch gestalten sich die Verhandlungen beim Abbau der Agrarzölle und - subventionen in den Industrienationen wie den EU-Mitgliedsstaaten und den USA.
Dass Lamy den Argarsubventionen zu Leibe rückt, findet in seiner Heimat kein freundliches Echo. Der Generaldirektor der WTO versucht, zwischen den Entwicklungs- und den Industrieländern zu vermitteln. Es wird ein langer Lauf werden.
Stand: 16.12.2005/ Politikerscreen.de

