Der Ruf der Katastrophe (Portrait)
Krisenberichterstatter - Ein Leben auf Stand-By
Der Damm hat das hurrikan-gepeitschte Wasser nicht aufhalten können. Mit der Stärke 5 fegte Katrina erbarmungslos nicht nur Bäume und Häuser, sondern auch Wassermassen durch New Orleans und überflutete die Stadt zu 80 Prozent. Die Einwohner verzweifelten, viele verloren alles: ihr Haus, ihre Existenz, manchmal sogar ihre Familie. Dann kamen die Plünderer, gewaltbereit und gefährlich. Bilder aus dem Katastrophengebiet fluteten in deutsche Wohnzimmer. Bilder vom Ausnahmezustand, von Zerstörung, Verwüstung, Tod, Gewalt und Elend.
Einer der Menschen, die dafür sorgen, dass solche Bilder um die Welt getragen werden, ist Martin Leutke. Der 32-Jährige Diplom-Volkswirt gehört zum Krisenreporter-Pool des ZDF. Er ist einer von drei Männern, deren Hauptaufgabe darin besteht, niemals ihr Handy auszuschalten und jederzeit verfügbar zu sein, um in die Krisen- und Katastrophengebiete dieser Welt zu fliegen. Auf gepackten Koffern sitzt Leutke zwar nicht, aber das liegt nur daran, dass „ich schon die drei Hemden, die ich brauche, zusammengepackt bekomme, bis mein Flug vom ZDF gebucht worden ist.“ Und dann geht es in die Krise, egal wohin, egal wann, egal wie lange. Fast uneingeschränkte Verfügbarkeit, denn „Nein“ zu einem Einsatz sage man in der Regel nur ein einziges Mal. In den irakischen Bürgerkrieg würde momentan niemand entsandt. Das Risiko für den Mitarbeiter sei einfach zu groß. Ansonsten allerdings diktieren Natur und politisches Weltgeschehen den Arbeitsalltag von Leutke und seinen Kollegen. Bürogenosse Stefan Pauli ist gerade in den Kongo gereist, berichtet dort von den Wahlen während der dritte Mann auf unbestimmte Zeit nach Israel abberufen wurde, solange der Konflikt dort eben dauert oder bis sich ein wichtigerer Krisenherd auftut.
Seit zwei Jahren tourt Leutke zu den Krisenschauplätzen. Meist sind es die großen Naturkatastrophen, zu denen er geschickt wird. Beim Tsunami in Thailand war er, beim Erdbeben in Pakistan auch. Zwischen Anruf und Abreise hat er oft weniger als 24 Stunden Zeit zur Vorbereitung. Da sei es extrem wichtig, einen kompetenten Ansprechpartner vor Ort zu haben. Entweder ist es der ZDF-Auslandskorrespondent, manchmal einfach nur ein vertrauenswürdiger Taxifahrer, der sich in der Region auskennt und weiß, was für das ausländische Team wichtig und vor allem auch noch ungefährlich genug ist. „Ich bin keiner von diesen Haudegen, die sich nach der Rückkehr nach Deutschland abends in der Kneipe damit brüsten müssen, noch einen Meter näher an der Explosion dran gewesen zu sein.“ Die Katastrophenbilder, die sich ihm bieten, sieht er zunächst durch die professionelle Brille. Was muss gesendet werden, welche Beiträge, welche Bilder stellen die Wirklichkeit vor Ort am besten dar. Es folgt pures Handwerk: schneiden , vertonen, senden. Organisationsarbeit. „In solchen, von der Natur gebeutelten Gebieten, ist es oft schwierig, eine Station zu finden, von der man aus rechtzeitig nach Deutschland senden kann.“
Wichtig sei es, einen guten und authentischen Beitrag zu machen, ohne dabei seine Gesundheit oder das Material zu gefährden. Voraussetzungen dafür: journalistisches Gespür, eine gehörige Portion gesunder Menschenverstand und Organisationstalent. Woher bekommt man die nächste Mahlzeit, ein Bett zum schlafen oder ein Klo für das Team?So beschäftigt, blende man die menschlichen Dramen um einen herum einfach aus. Die Einzelschicksale und Grausamkeiten drängen sich erst in den ruhigen Minuten später zu Hause wieder in den Kopf. Dort erst beginnt man, das Gesehene zu verarbeiten. Wenn man dann mit den Bildern in seinem Kopf nicht mehr klarkommt, steht beim ZDF der psychologische Dienst bereit. In den letzten Jahren haben die Arbeitgeber gelernt, dass man die Reporter vor Ort nach ihrer Rückkehr nicht allein lassen darf mit den Eindrücken. Leutke findet das sehr wichtig. „Wie soll denn meine Mutter oder meine Freundin mir helfen, mit schrecklichen Bildern klarzukommen, die sie selber nie gesehen haben?“ Ein Psychologe ist im Gegensatz dazu neutral genug, um das Geschehene zu analysieren und mit der Problematik ausreichend vertraut, um wirklich helfen zu können.
Fast schon als paradox beschreibt Leutke die Gefühle, die er in manchen Momenten in dem Katastrophengebiet hat. Ab und an fühlt er sich richtig privilegiert, in Länder reisen zu können, die andere Menschen wirklich nur aus dem Fernsehen oder aus Bildbänden kennen. Bei dem Erdbeben in Pakistan ist er im Helikopter über den K2 geflogen. Und war von der atemberaubenden Schönheit des Berges fasziniert, trotz der vielen Toten. „Das war ein unbeschreibliches Erlebnis. Wer hat das schon?“ Er sagt, dass man in solchen Momenten die Katastrophe um einen herum ausblendet und die Szenerie in sich aufsaugt. Das hätte nichts mit mangelnder Anteilnahme zu tun, viel mehr sei es wichtig, die Augen weiter offen zu halten, nicht nur für das Schreckliche, sondern auch für das Schöne, das oft dicht daneben liegt.
Besonders betroffen machen ihn in den Krisengebieten nicht die vielen Toten, sondern die Überlebenden. „Ob es jetzt 2000 oder 4000 Tote gibt, das kann man als Einzelperson gar nicht erfassen, aber wenn ein Mann vor mir zusammenbricht, weil er seine siebenköpfige Familie im Tsunami verloren hat, dann geht mir das an die Nieren.“ Trotzdem zieht es ihn immer wieder in die Welt hinaus, er gibt sogar zu, „ja, der Job macht in gewisser Weise süchtig.“ Die größte Gefahr sieht er für sich nicht im gefährlichen Krisengebiet, sondern, dass man nach der Rückkehr „die Bodenhaftung verliert,“ sich nicht mehr in der Normalität zurechtfindet. Dass einem das kaputte Fenster, das es zu reparieren gilt, irgendwann einfach zu banal vorkommt. Dass man ein Krisenjunkie wird. Seine Mutter und seine Freundin sehen das anders. Jedes Mal, wenn Leutke fortgeschickt wird, machen sie sich Sorgen, bangen bis zu seiner Rückkehr. Manchmal ist der Aufenthalt zu Hause jedoch nur kurz. Denn wenn Mutter Natur mal keine Katastrophe produziert, wartet der normale Büroalltag auf Leutke. Urlaubsvertretung zum Beispiel. Für ihn heißt das für die nächsten vier Wochen: Betreuung des Auslandsbüros in Peking. Natürlich ohne Freundin.

