Fernsehkritik: Der Tod steht ihr gut

Andreas Laux – 4. Dezember 2006 – 17:38
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Else Kling ist tot, die Blockwärtin der Nation ist nicht mehr. Nach zwanzig Jahren treuer Pflichterfüllung starb am Sonntag die Hausmeisterin der „Lindenstraße“ den wohlverdienten Serientod.

Kaum eine Charaktere hat das Bild von Deutschlands ältester Endlos-Serie neben „Mutter Beimer“ so stark geprägt wie Else Kling, gespielt von der 91-jährigen Annemarie Wendel. Der Abgang, den Lindenstraßen-Produzent Hans W. Geißendörfer seiner Else bereitete, war herzallerliebst und lindenstraßentypisch. Keine andere Serie ist so sehr in sich selbst verliebt und kokettiert fortwährend mit dem eigenen Kultstatus. Der Hausdrachen von Lindenstraße Nr. 3 entschlief daher folgerichtig just in dem Moment, in dem Else ihre Lieblingserie schaute. Das war – Überraschung – die „Lindenstraße“.

Die logische Ungereimtheit, die diesem Umstand innewohnt (die „Lindenstraße“ wird sonntags ausgestrahlt, der Tod ereilt Else Kling an Christi Himmelfahrt, einem Donnerstag), wird selbst der schlechtgesinnteste Fan gern übersehen haben. Denn nicht nur er sehnte den Zeitpunkt des Todes schlusswärts förmlich herbei. Dreißig endlose Minuten war Else zunächst von ihrem Mann ins Jenseits gerufen worden, um sodann ihre nähere Umgebung mit hellseherischen Todes-Chiffren zu traktieren und sich schließlich für die bevorstehende Überfahrt herauszuputzen.

Mehr Pathos geht nicht? Weit gefehlt! Elses letzter Weg führte sie durch eben jene Wohnungstür, hinter der sie so oft verhaltensauffälligen Hausbewohnern auflauerte, bevor sie endlich – wir ahnten es schon – in ein weißes, helles Licht schritt. Sie hätte vielleicht eine Federboa umgelegen sollen, um mit dem schwulen Lindenstraßen-Arzt Dr. Flöter auf einem rosa Pferd in den Sonnenuntergang zu reiten – ähnlicher Kitsch, aber wesentlich witziger.

Einziger Lichtblick in der Lindenstraßen-Nummer vom vergangenen Sonntag war wieder einmal der stotternd-trottelige "Hajo Scholz". Der knappe Lagebericht des Schlapphut-Trägers, nachdem er die niederkommende, lesbische Friseurin aus der Nachbarschaft im Krankenhaus abgeladen hat: „Fruchtbl... gepl... !“

Mit der grantelnden Hausmeisterin tritt das letzte politische Inkorrektiv des sonntäglichen TV-Schlagers ab. Alt-Nazi „Onkel Franz“ hat vor langem das Zeitliche gesegnet und der einzig würdige Nachfolger, Else Klings Sohn Olaf, verprügelt längst keine Frauen mehr, denunziert nur noch selten den Griechen an der Ecke und plant erst recht keine Attentate mehr.

Was sich in Zukunft in dem Münchner Straßenzug abspielen wird, hat „Klausi Beimer“ am vergangenen Sonntag bereits angedeutet. Der mittlerweile leicht verlebte Jüngste von „Mutter Beimer“ saß mit Frau und Schwester am Küchentisch – Else war noch nicht mal kalt – und plötzlich entfährt ihm ein entrüstetes „Unglaublich, was die Chinesen da in Tibet treiben!“

Der regelmäßige Lindenstraßen-Zuschauer ist derartiges Spontan-Schwadronieren über das Elend der Welt gewohnt. Die letzte Bastion gegen diese Form des Polit-Schmalz' ist am Sonntag auch in der „Lindenstraße“ gefallen.