Porträt - Die weise Frau

Karolin Jacquemain – 18. Dezember 2006 – 14:53
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Niemand kennt den Zauber des Theaters besser als sie: Doris Schade steht seit 60 Jahren auf der Bühne.

Von Alexandra Busse und Karolin Jacquemain

Erschienen in Klartext Nr. 10/ Oktober 2006

Doris Schade sitzt neben drei anderen Schauspielern an einem Tisch, die Scheinwerfer sind auf sie gerichtet. Sie liest den Part einer tyrannischen Hinterhofbewohnerin im Drama „Licht frei Haus“ von Thomas Melle. „Ich habe keine Lust auf einen Mongoloiden in diesem Hinterhof! Wir haben schon genug Kranke hier!“, bellt sie und krallt die rechte Hand in ihren geblümten Kittel. Wenn sie  kurz darauf vom Alleinsein in der dunklen Wohnung spricht, wird die Stimme leise, brüchig. Ihre Mundwinkel zucken. 

Es ist das vierte Wochenende der jungen Dramatiker an den Münchner Kammerspielen. Die Vorstellung ist ausverkauft. Der Applaus für Schades Auftritt ist groß. Größer als für bekannte Jungschauspieler wie Julia Jentsch, die am selben Abend auf der Bühne stehen. „Wir haben doch nur gelesen“, kokettiert Schade ein paar Tage später. Manchmal reicht das. Der Zauber des Theaters ist schwer in Worte zu fassen.

Wenn die 82-Jährige ihr Tablett durch die Kantine der Kammerspiele trägt, sehen die anderen Gäste von ihren Tellern auf. Jeder im Raum kennt sie. Sie bewegt sich mit großer Sicherheit. Schlank ist sie, nicht mager. Ein Kamm hält die dichten weißen Haare zurück. Wenn sie sich warmgeredet hat und ihr Gesicht entspannt, ist die Haut beinahe faltenfrei. Der Schauspieler Hans Kremer kommt zu    ihr an den Tisch, um sie zu einer gemeinsamen Lesung zu überreden: „Wie wär’s, Doris, wir zwei?“, fragt er.

Doris Schade steht seit 60 Jahren auf der Bühne, seit 1961 spielt sie an den Münchner Kammerspielen, unterbrochen nur von einem Abstecher ans Hamburger Schauspielhaus. Ihre Verwandlungskunst ist groß: Sie war Gretchen, Luise Millerin, Medea und Johanna auf dem Scheiterhaufen. Immer wurde sie von den Kritikern gefeiert. Der Journalist C. Bernd Sucher schrieb ihr zum 80. Geburtstag im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung eine Liebeserklärung: Doris Schade sei „ein Wesen, das verzaubert“. Doch sie ist bescheiden geblieben. Der Zauber des Theaters entstehe erst im Zusammenspiel mit dem Publikum, sagt sie. „Wenn keiner findet, dass ich magisch bin, bin ich es auch nicht.“

Obwohl Schade die Zuschauer von der Bühne aus nicht sieht,    spürt sie jede Reaktion. Das    Adrenalin schärft ihre Sinne. „Ich merke dann deutlich – da hinten rechts sitzt ein ganzer Pulk, der nimmt mein Spiel stark auf.“
Auch die eigene Stimmung beeinflusst die Atmosphäre im Saal. Theater bleibt       unvorhersehbar, stellt sich jeden Abend neu her. Und wenn der Vorhang fällt, hat jeder Zuschauer etwas anderes erlebt.

Magisch ist, was zwischen den Menschen passiert. Dafür braucht es nur wenige Worte. Als der Regisseur Rainer Werner Fassbinder Schade ihre Rolle in „Die Sehnsucht der Veronika Voss“ beschrieb, sagte er bloß: „Die redet nicht viel.“ Und sie wusste Bescheid. Sie verstand den Charakter dieser Frau, die alles in sich hineinfrisst.

Schade liebt die Kammerspiele. Das ist ihr Haus. Hier kann sie so spielen, wie sie will. Bühne und Zuschauersaal haben genau die richtige Größe, sind nicht zu groß, nicht unübersichtlich. Bewusst geworden ist ihr das, als sie Mitte der 70er Jahre aus Hamburg für ein Gastspiel zurück nach München kam. 
Seither gehört sie wieder zum Ensemble. Die Kammerspiele sind für die Schauspielerin, die 23-mal umgezogen ist, zu einer Heimat geworden. Eine Heimat, in der die Geister der Vergangenheit noch spürbar sind. Die Büste von Regisseur Fritz Kortner im Foyer streichelt Schade jedes Mal, wenn sie vorbeigeht. Genauso wie die Bronze-löwen vor der Residenz. Das bringt Glück.

Überhaupt ist Schade ein bisschen abergläubisch – das gehört im Theater irgendwie dazu. Sie wünscht den Kollegen „toi, toi, toi“, bevor sie auf die Bühne gehen. Vor jeder Vorstellung schmückt Schades Garderobiere den Schminkspiegel mit Glücksbringern: einem Elefanten, den drei Affen und einem indischen Wanderer. Alles Geschenke. Aber das Lampenfieber kann ihr kein Talisman nehmen. Dazu muss sich erst der Vorhang öffnen. Dann taucht sie in eine andere Welt.

Doris Schade wusste schon im Alter von zwölf Jahren, dass sie Schauspielerin werden will. Sie fühlte so viele Frauenwesen in sich, die sie loswerden wollte. Theaterbegeistert war sie sowieso: Wenn ihr eine Vorstellung gefallen hatte, kam sie mit ihren Freunden Abend für Abend wieder – weil sie sich den Eintritt nicht leisten konnte jedoch erst zum Schlussapplaus.
Doris Schade begreift ihren Beruf durchaus als Handwerk. Aber zu einer guten Darbietung gehört mehr. Ein Mehr, das schwer in Worte zu fassen ist, das jenseits der Rationalität liegt. 1961 war sie vier Tage im Krankenhaus. Kurz danach stand sie wieder auf der Bühne, für das Stück „Cautio Criminalis“. Sie gab die schlechteste Vorstellung ihrer Karriere – glaubte sie. Sie war körperlich geschwächt, konnte nur aus ihrem Inneren schöpfen. Doch Peter Stein, damals noch Regieassistent, war begeistert. „Du warst zum ersten Mal wunderbar.“ Seit diesem Abend weiß Schade: „Alles Gelernte gilt nicht.“

Sie ist überzeugt: Wenn man eine Rolle annimmt, muss man an sich selbst glauben. Doch das ist nicht immer einfach. Schauspielerin zu sein, ist Traum und Albtraum zugleich: „Wie oft habe ich mein Talent schon unter dem Sofa gesucht, weil ich dachte, es ist weg.“ Und dann gibt es   diese Glücksmomente, die aufblitzen, wenn eine Szene plötzlich sitzt und man weiß: „Das ist es, das ist es.“ Dieses Gefühl ist einfach wunderbar.