Reportage: "Eine Sekunde, ein Leben"

Anatol Munz – 15. Oktober 2007 – 22:08
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Ein Mal nicht aufgepasst und das Unfassbare tritt ein: Ein Mensch verursacht einen Autounfall, der Beifahrer stirbt, er selbst hat keinen Kratzer am Körper. Die Seele aber bleibt schwerst verletzt. Eine tragische Annäherung.

Keine scharfen Kurven, keine unübersichtlichen Einmündungen, keine Leitplanken. Diese Straße in der bayerischen Provinz liegt in einer weiten Ebene. Die einzige Abzweigung, an deren Scheitelpunkt jetzt eine blasse junge Frau mit einer Sonnenblume steht, ist in dumpfe Stille gebettet. Sie beobachtet einen glitzernden Punkt, der sich am Horizont durch die gelben Rapsfelder schiebt. Es dauert lange, bis sich die ersten Umrisse eines Autos abzeichnen. Aber Zeit spielt für Marie (Name geändert) keine Rolle mehr. Nicht hier, nicht an dieser Kreuzung, wo Matthias (Name geändert) alle Zeit verlor.

Als der Wagen nur noch wenige Meter entfernt ist, weicht Marie zurück. In Sekundenbruchteilen rauscht das Auto vorbei. Sie schaut ihm gerade so lange nach, wie der Luftzug ihre Haare zersaust. Dann wendet sie sich ab. Langsam, fast bedächtig geht sie an den Rand des Rapsfeldes. Dort legt sie behutsam die Sonnenblume auf den Boden und weint.

Die Sonnenblume ist für Matthias. Er wurde nur 37 Jahre alt, weil sie, Marie, eine Sekunde lang nicht aufgepasst hatte. Weil sie einen Wagen übersehen hatte, der ihr mit derselben Geschwindigkeit an einem ebenso klaren Morgen wie diesem entgegenkam. Seitdem lebt Marie mit einer Schuld, mit der man eigentlich nicht leben kann.

Es war der 29. Juli 2005, halb zehn Uhr morgens. Marie, 34, fuhr mit ihren Arbeitskollegen Matthias und Selüm, 25, (Name geändert) zur Arbeit. Die Rapsfelder waren abgeerntet, die Sonne stand noch tief. Vor ihr fuhr ein Traktor. "Das Heu des Aufliegers rieselte zu Boden und glitzerte in der Sonne wie Gold", sagt Marie und versucht zu lächeln. Sie unterhielt sich mit Matthias, der auf dem Beifahrersitz saß; Selüm, auf der Rückbank, hörte zu. Bis zur Firma waren es noch 500 Meter, keine zwei Minuten mehr zu fahren. Nur noch die eine Abzweigung. Marie fuhr langsam. Es hätte sich nicht mehr gelohnt, zu überholen. Wenig später tauchte neben dem Traktor ein Wegweiser auf. Marie bog ab.

"Matthias hat noch ,vorsichtig‘ gesagt. Ruhig und überlegt. Ich habe gehört, wie er es gesagt hat und ich habe auf die Gegenfahrbahn geschaut." Marie sagt diese Worte so langsam und deutlich, als würde sie nicht verstehen, was sie sagt. "Aber ich habe das andere Auto nicht gesehen." Diesen letzten Satz sagt Marie immer wieder: "Ich habe das andere Auto nicht gesehen." Leise und monoton sagt sie das, wie eine Computerstimme. Denn der Wagen war da. Und sie hätte ihn sehen müssen. Trotz der tiefstehenden Sonne, trotz des Gespräches mit Matthias und trotz des Heuwagens vor ihr.

Ihre Erinnerungen an den Unfall sind Bilder, Empfindungen, Wortfetzen. Sie setzen ein, als ihr Wagen 30 Meter von der Straße entfernt auf dem abgeernteten Rapsfeld zum Stehen kam. An die Kollision, an den Moment, als der andere Wagen mit Landstraßentempo in die Beifahrerseite krachte und den Innenraum bis zum Armaturenbrett zusammenschob, kann sie sich nicht erinnern. Die eine Sekunde, die ihr Leben für immer verändert hat - sie ist nicht da.

Marie erzählt, wie sie aus dem Auto stieg. Unverletzt. Wie sie um das Auto herumging und Selüm sah, der auf dem Rücksitz saß. "Er wimmerte. Das beruhigte mich, weil es zu der Situation passte. Aber Matthias sah aus, als ob er schlief. Er hatte keinen Kratzer im Gesicht. Da wusste ich, dass es schlimm war."
Marie atmet jetzt schwer. Die Worte kommen ihr nur stoßweise über die Lippen. "Ich schaute in den Wagen. Matthias Oberkörper war unversehrt. Aber er hatte keinen Platz mehr zum Sitzen."

Wer die Polizei rief und wie lange es dauerte, bis Krankenwagen und Feuerwehr da waren, weiß sie nicht mehr. Es hätten fünf Minuten sein können oder eine Stunde. Als die Sanitäter eintrafen saß Marie zitternd auf dem Stoppelfeld, 50 Meter von ihrem Wagen entfernt. Ein Polizist, der Marie noch am Unfallort verhören wollte, schrieb später in seinen Unfallbericht: "Die Fahrerin stand völlig unter Schock und wiederholte immer wieder zu sich selbst redend, dass sie nach links abbiegen wollte. Mit ihr war zu diesem Zeitpunkt kaum ein vernünftiges Wort zu reden."

Doch so aufgewühlt Marie nach außen wirkte, so ruhig war sie innerlich. "Es war keine Frage mehr offen", sagt Marie. "Etwas in mir sagte: Der Tod ist jetzt da und er gehört zum Leben. Ich fühlte eine vollkommene Ruhe."

Marie war einer Situation ausgesetzt, die sie nicht aushalten konnte. Weil sie nicht fliehen konnte, spaltete sich ihr Bewusstsein, wird später ihre Psychologin sagen. Während ihr Körper in der Außenwelt verhaftet blieb und Qualen litt, hatte sie sich innerlich hermetisch abgeschottet. Auf der Fahrt in die Klinik sagte sie immer wieder dieselben Worte: "Bitte stirb nicht, Matthias! Bitte stirb nicht!" Es kam Marie vor, als spräche jemand anderes. Zwei Stunden später war Matthias tot.

Als ihre Eltern, aus dem Ausland angereist, die Todesnachricht überbrachten, saß Marie nur stumm auf dem Bett. Sie registrierte, was man ihr sagte, aber es erreichte sie nicht. "Es war immer nur mein Körper anwesend", sagt Marie. "Aber ich, Marie, ich war nicht da." Nur einen Tag später, Selüm lag noch mit schweren Verletzungen auf der Intensivstation, verließ Marie das Krankenhaus.
Sechs Tage nach dem Unfall wurde Matthias in seinem Heimatort beerdigt. Die Firma, bei der Marie und Matthias zusammen gearbeitet hatten, mietete einen Bus. Marie fuhr mit. "Ich musste dorthin, um den Hinterbliebenen die Möglichkeit zu geben, ihre Wut an mir auszulassen", sagt sie leise. Im Bus wurde wenig geredet, Marie saß alleine. Der Busfahrer fuhr immer wieder dicht auf, bremste abrupt und schimpfte. Einige Male hupte er. Irgendwann ging einer nach vorne und fragte den Fahrer, ob er den Anlass nicht kenne.

Nicht jeder wusste bei der Beerdigung, wer sie war. Aber am Ende der Zeremonie brach eine Frau zusammen und schrie: "Matthias ist tot und die Fahrerin steht einfach so da! Unverletzt!" Marie musste sich setzen. Es sollte das letzte Mal sein, dass jemand seinen Schmerz an sie richtete. Ihre Fehlentscheidung ist so gestaltlos, dass selbst die Wut und Trauer der Angehörigen keinen Halt findet.

Nach der Beerdigung überwand Marie ihren Schock. Aber sie litt, ohne es zu wissen, an einem schweren posttraumatischen Belastungssyndrom. Immer wieder sah sie Matthias Gesicht vor sich. Es war plastisch, sie konnte es vor sich drehen und wenden. Um das Gesicht herumgehen. "Manchmal dachte ich, ich wäre mit ihm verheiratet", sagt Marie. "Er war einfach allgegenwärtig."

Gleichzeitig durchbrachen die verdrängten Erinnerungen an den Unfall immer häufiger Maries Bewusstseinsblockade. Unkontrollierbar, regellos. Wie aus dem Nichts wurde ihr dann die Tragweite des 29. Juli 2005 bewusst. "Es fühlte sich an, als würde mein Leben im nächsten Moment implodieren oder explodieren", sagt Marie. Mal stampfte sie vor Verzweiflung auf den Boden, schrie und weinte. Im nächsten Moment fiel sie in sich zusammen und kauerte sich stundenlang auf dem Bett zusammen. Unfähig, auch nur einen Laut von sich zu geben. "Ich fühlte mich als Mörderin", sagt Marie. "Und ich dachte an Selbstmord. Das einzige, was mich davon abhielt, war der Gedanke, dass ich nicht das Recht dazu hatte. Die Angehörigen mussten mit Matthias Tod leben. Also musste ich das auch." Nur wie, das wusste Marie nicht.

Zwei Wochen nach dem Unfall begann Marie wieder zu arbeiten. Es stabilisierte sie, morgens aufzustehen und den Tag über abgelenkt zu sein. Doch dann zog die Firma von ihrem alten Stammsitz in das Gebäude um, dass sie am Tag des Unfalls erreichen wollte. 300 Meter von der Unfallstelle entfernt. Auf Sichtweite. Es kam der Tag, an dem sie kündigte.

Marie wusste nicht mehr weiter. Sie suchte Hilfe bei Autofahrern, die ähnliches erlebt hatten: 5361 Menschen wurde im Jahr 2005 bei Verkehrsunfällen getötet. Aber sie fand niemanden. "Wenn man mal sehr krank war, fragen alle jahrelang nach, wie es einem geht", erzählt ihre Mutter. "Aber als Maries Unfall ein paar Wochen vorbei war, hat niemand mehr nachgefragt, wie es ihr geht."

Marie ging zu einer Psychologin. "Ich fing an, den Unfall zu verarbeiten, als ich verstand, dass ich nicht nur ein Täter war. Dass ich in dem Moment nicht alles in der Hand hatte", sagt Marie und ist so angreifbar wie nie zuvor. Hier, jetzt, muss sie verstanden werden. Es ist der Gedanke, der aus einer Mörderin eine Unfallverursacherin macht. "Der Unfall, das war eine Verkettung von Faktoren. Für sich genommen waren sie bedeutungslos. Aber im Zusammenspiel haben sie eine schreckliche Wirkung entfaltet. Und ich, ich war einer dieser Faktoren."
Marie wirkt jetzt wie betäubt. Es ist, als würden die Gedanken nur langsam in ihr Bewusstsein sickern. Dann fügt sie hinzu: "Aber das entbindet mich nicht von meiner Schuld." Sie sagt diesen Satz wie einen Vorsatz. Aber wie soll sie ihn auch sonst sagen. Sie übernimmt Verantwortung für etwas, an das sie sich nicht erinnert und das sie sich nicht erklären kann.

Inzwischen hat Marie eine neue Arbeit gefunden. Gemessen an dem, was sie früher geleistet hat, ist es eine anspruchslose, einfache Arbeit. Aber es fällt ihr schwer, wieder Verantwortung zu übernehmen, sich einzubringen. Sie hat kein Gefühl mehr für sich selbst. "Ich spüre das Leben noch nicht wieder", sagt Marie. "Ich imitiere es."

In ihrer Zwei-Zimmer-Wohnung erinnert nichts an ein Leben vor dem Unfall. Es gibt keine Fotografien, keine Postkarten, kein Krimskrams aus früheren Zeiten. Auf den wenigen klassischen Möbeln liegt kein Staub. Es herrscht penible Ordnung. In ihrem Wohnzimmer steht auf einer dunklen Holztruhe ein Foto von Matthias. Wenn Marie hereinkommt, sagt sie "Hallo".

Den Ordner mit der Aufschrift Unfall bewahrt Marie in ihrem Schlafzimmer auf. Dort ist ein Blatt eingeheftet, auf dem am unteren Rand in der Mitte nur ein einziger Satz steht: "In einen Unfall ist man verwickelt." Es ist ein Satz ohne Verantwortung. Zwischen dem Strafbefehl wegen "Fahrlässiger Tötung" und der Todesbescheinigung von Matthias wirkt er wie ein Sonnenuntergang über dem Meer - an der Mauer einer Gefängniszelle.

 

Erschienen: Süddeutsche Zeitung Nr. 148, 30. Juni/1. Juli 2007