Einsame Meister

Dennis Buchmann – 4. Dezember 2006 – 19:31
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Auf einem Tischfußball-Spaßturnier haben alle gute Laune – nur die Gewinner nicht.

Rullstorf, 26. August - Dicke, schwarze Spinnweben hängen im Gebälk des alten Heubodens in Rullstorf bei Lüneburg. Der Putz bröckelt aus den Ritzen des Gemäuers. Die alten Fensterscheiben sind mit Styropor-Platten abgedeckt. In dem großen Raum stehen zahlreiche abgenutzte Sofas und Tische, einer ist eine auf die Seite gelegte, alte Kabeltrommel aus dem Straßenbau. Zehn Lampen baumeln an Drahtseilen, ihre Schirme sind aufgeschnittene Fußbälle, eine Hundehalskrause, eine Shorts mit drangeklebten Stollenschuhen oder ein 5-Liter-Faß Bier. Sie beleuchten jene Geräte, an denen sich heute Abend im Kneipensport gemessen wird: Tischfußballtische auch Kicker genannt.

Thomas, 29, einer der Organisatoren der neunten Rullstorf-Open, sagt in der Eröffnungsrede: „51 Teams sind dieses Jahr gemeldet, das ist neuer Rekord“. Paul und Bernhard nennen sich „Uff de Aasch Heer“. Sie sind aus Saarbrücken angereist, aber wie Thomas, der aus Sheffield gekommen ist, gehört auch Paul zur Urtruppe des Rullstorf Open. Und kommt zwar auch zum Kickern, aber vor allem um die Freunde von früher wiederzusehen. Sie finden sich in Teams zusammen, die sich „Astra Siempre“, „Gartenspaten und 17er Schlüssel“, „Die Reinwemser“ oder einfach „Derbe Kickern“ nennen.

In der Vorrunde hat „Uff de Aasch Heer“ keine Probleme, Paul ist offensiv mit seiner breiten Palette Tricks für die Torhüter schlecht einschätzbar, Bernard antizipiert in der Abwehr die Schüsse seiner Gegner mit guter Erfolgsquote. Lediglich ungewollte Zufallstore, sogenannte Gurkentore, rollen ihm hin und wieder in sein Torfach. „Nicht sauber aber drin“, pflegen die Schützen in solchen Fällen entschuldigend zu sagen.

Im Achtelfinale treffen sie dann auf Leiv und seinen Partner. Böse Zungen reden nur von „seinem Lakai“, tatsächlich spielt Leiv so überragend, dass sein Partner ersetzbar erschient. „Blindfisch“ nennen sich die beiden. Beliebt ist der Titelverteidiger nicht. Letztes Jahr meldete er sich an, ohne dass der Chef-Organisator Marc (29), genannt Euta, es mitbekam. Und prompt gewann er das Turnier. Dieses Jahr wurde Leiv nur mit einem schwächeren Partner zugelassen.„Das Rullstorf-Open ist ein Amateur-Party-Turnier“, erklärt Euta. „Profis verderben mit ihrer Unbesiegbarkeit den Spaß an der Sache.“ Leiv trinkt kaum Bier und bemüht sich auch nicht um Intergration. Doch Leute die nicht mitfeiern auf dem Rullstorf Open haben es schwer, vor allem wenn sie statt Sympathiepunkten das Turnier gewinnen.

Vor neun Jahren waren Euta und zwei seiner Schulfreunde nach dem Zivildienst arbeitslos. „Wir wollten unbedingt einen Kicker, hatten aber kein Geld“, sagt Euta, „also haben wir uns selber einen gebaut“. Zur Feier des guten Stücks organisierten sie ein kleines Turnier mit zwei Tischen. 16 Teams kamen aus dem Freundeskreis zusammen. Im Jahr darauf waren es schon 24. Doch auch die Tische wurden zahlreicher. Drei neue baute der gelernte Tischler auf dem Hof seiner Eltern in Rullstorf, Prachtstücke die jeden Kickerfreund staunen lassen. „Als wir angefangen haben, zu studieren, sind wir alle in andere Städte gegangen“, sagt Euta. Seitdem war das Turnier in erster Linie eine Wiedersehensfeier. „Die Freundeskreise addierten sich, deshalb sind es immer mehr Leute geworden“, sagt Euta.

Eine Woche lang hat er zusammen mit seiner Freundin Britta Teams gelistet, Kickertische und Sofas von Bekannten rangeschleppt, Speis und Trank gekauft. 35 Kisten Bier und 10 Liter Schwarze Sau, das Rullstorf-Open-Traditionsgetränk aus Wodka und Türkisch-Pfeffer-Bonbons sorgen für Stimmung, auf dem von der örtlichen Feuerwehr geliehenen Grill können Burger gegrillt werden, auch eine Friteuse steht bereit.

Am Abend vor dem Turnier stand Britta in der Küche und würzte 20 Kilo Hack mit Pfeffer, Salz und Ei, dann stach sie 250 Bulleten mit einem großen Weinglas aus der platt gerollten Fleischmasse. Am Samstagmorgen saß der kleine Bruder von Euta auf dem Hof und presste unermüdlich Kartoffeln durch die sogenannte Pommes-Mach-Maschine: „Ich hab schon einen Kartoffelarm“, witzelte er. Am Ende waren es zwei Waschwannen der beliebten Stärke-Stifte.

„Für meine Freunde reiß ich mir gerne eine Woche den Arsch auf“, sagt Euta und deshalb ist es ihm auch wichtig, dass es Freunde sind, die mitspielen. „Das Turnier heißt zwar Open, ist es aber nicht wirklich“. Ein unbekanntes Team hatte sich angemeldet, Euta fand im Internet heraus, dass es bei einem Profi-Turnier im Halbfinale stand - und untersagte dem Team kurzerhand die Teilnahme in Rullstorf.

Warum aber durfte Leiv mitspielen? „Ich habe ihm in einem Brief ausführlich erklärt, dass das Open ein Spaßturnier ist. Außerdem kenne ich ihn ja auch schon aus dem Kindergarten“, so Euta.Blindfisch versteht am Tisch aber keinen Spaß. „Alle machen Party, aber keiner redet mit Leiv!“, regt sich Gibby auf, ebenfalls seit den ersten Tagen dabei. Dafür hat Leiv auch keine Zeit. Eine halbe Stunde vor dem Spiel steht er schon an einem alten Tisch, den alle nur „Den Saarländer“ nennen, weil sonst bei Paul zu Hause in Saarbrücken steht. Wegen seiner Eisenfiguren unterscheidet er sich im Spielverhalten deutlich von den anderen Tischen. Leivs Partner sieht aus wie ein Kellner, ihm hängt ein Geschirrhandtuch aus der Hosentasche. Damit trocknet er regelmäßig die Griffe ab. Er zückt eine Spraydose und ölt die Stangen. Ein „Nee, nee, nee“-Gemurmel ist in seiner Umgebung zu vernehmen. Dann nimmt er einen Schraubenzieher und zieht die Schrauben, mit denen die Spielfiguren an den Stangen befestigt sind, nach. Gekicher. Leiv fackelt unterdessen die Bälle ab. „Das ist, um die Bälle rund zu machen“, erklärt er und zeigt einen Ball, an dem ein paar Flusen hängen. „Die brenn ich damit ab, außerdem schmelz ich so Ecken und Kanten weg. Denn wenn der Ball mal hinrollt, wo er nicht soll, ist das doof“. Die Leute wenden sich ab, gehen zum Grill, holen sich ein neues Bier.

Im Viertelfinale gegen Uff de Aasch Heer hat sich Leiv im ersten Satz auf die Seite, wo die Bälle nach einem Tor herauskommen, gestellt. Es gibt zwei Arten von Bällen, glatte und klebrige, die man einfach zwischen Spieler und Bodenplatte einklemmen kann. Da er mit den glatten nichts anfangen kann, nimmt er die klebrigen und macht seinen Trick. Den einen beherrscht er in einer unhaltbaren Geschwindigkeit und gewinnt den ersten Satz 6:3. Seitenwechsel. Paul ist verwirrt, es liegt nur ein Ball im Fach. Er wühlt tief darin herum, in hintersten Ecke findet er die anderen. „Die hatte Leiv da versteckt“, beschwert sich Paul später. Doch die glatten Bälle nützen nichts, Bernhard macht ein Eigentor, die Spannung zerrt an den Nerven. Hinzu kommt, dass Uff de Aasch Heer betrunken ist - im Gegensatz zu Blindfisch. Zu viele Tore sind nicht sauber aber drin, Blindfisch ist im Viertelfinale.

Im Finale gegen Euta und Thomas, genannt „Chapaing Ole“, macht Leiv nur seinen Trick, den Unhaltbaren. „Das ist schon nervig, von uns macht keiner einen Trick auch nur zwei Mal im Satz“, sagt Euta. Jeder weiß, dass Leiv diesen Trick beherrscht, jeder ist gelangweilt von der aussichtslosen Monotonie. Im zweiten Satz dann variiert Leiv – und verliert ihn. Euta und Thomas fühlen sich beleidigt, weil Leiv ihnen den Satz „geschenkt“ hätte, doch der dementiert. Dann das entscheidende Tor, Blindfisch ist Meister der Rullstorf Open 2006. Einsame Meister. Kein Jubel, nur ein kurzes Lächeln huscht ihnen über die Lippen. Britta gratuliert ihnen tapfer, der Rest der Gesellschaft feiert in der anderen Ecke der Scheune mit Euta und Thomas. Die Siegerehrung droht zu scheitern, keiner will wissen, wo die Gewinner-Shirts sind, der Pokal, eine Kuhtränke, ist verschwunden. Doch Britta hält durch und überreicht schließlich die mit Bier gefüllte Trophäe. Leiv ist skeptisch und tauscht das Bier aus gegen einen Bruchteil der ursprünglichen Menge. Dann verschüttet er noch die Hälfte und teilt sich den kleinen Rest mit seinem Partner. Aus der Ferne treffen sie mürrische Blicke.

Leiv kommt einer Absage für das 10-jährige Jubiläum im nächsten Jahr zuvor: „Dann bin ich, glaub ich, im Ausland“.