Europa sucht den Superdepp (Kommentar)
Im Krieg und in der Liebe ist alles erlaubt. Beim modernen Grand Prix de la Chanson offensichtlich auch. Wenn Europa beim nächsten Spektakel in Helsinki keine Katzenklo-singenden, kopulierenden Lesben mit Gummimasken sehen möchte, muss das Reglement verschärft werden.
Vorbei sind die Zeiten, als Nicole mit „Ein bisschen Frieden“ dem Zuschauer die Tränen in die Augen trieb. Geblieben ist die Anforderung an einen Gesangswettbewerb, nicht die Verpackung der Sänger, sondern stimmliches Können zu bewerten.
Schwierig, schwierig, wenn eine Palette von Genres geboten wird, die vom Shakira-Imitat über A-Capella bis hin zu Heavy-Metal-Gegröle reicht. Eine objektive Bewertung des Gesangs ist für den Laien unter diesen Umständen gar nicht machbar. Zwangsläufig verschiebt sich seine Aufmerksamkeit hin zu Äußerlichkeiten wie Outfit, Tanz oder Inszenierung. Auf dieser Ebene wird auch einiges geboten.
Getreu dem Motto „Sex sells“ sind sich die Interpreten nicht zu schade, halbnackt die Hüften kreisen zu lassen oder animalisches Muskelspiel im Unterhemd vorzuführen. Wenn das nichts hilft, hilft das Klischee. Weiße Engelsgewänder, Gänseblümchenkranz im güldenen, flatternden Haupthaar. Die reine Unschuld aus Norwegen.
Das rebellische und imagegeplagte Finnland konnte oder wollte weder durch guten Gesang, noch durch Erotik auffallen und griff in die unterste Schublade der Trickkiste: Schocktherapie. Nicht dumm, denn das die Ekelnummer international zieht, beweisen Sendungen wie „Ich bin ein Star, holt mich hier raus“ genauso wie die täglichen Gafferstaus auf der Autobahn.
Für Europa empfiehlt sich eine Anpassung des Wettbewerbs an „Superstar“-Niveau: der Gesang wird bewertet, das Genre ist festgelegt, die Abstimmung erfolgt durch das Publikum nach der Expertenmeinung des arrivierten Dieter Bohlen. Das Beste jedoch wäre, das am Ende eine ESDS-United CD erscheinen könnte, auf der sich alle Teilnehmer doch irgendwie lieb haben. Werbung für ein großes Europa der Kulturen.

