Herr Müller, die Katze und Pirusa

Rita Nikolow – 19. Februar 2007 – 19:40
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Herr Müller, die Katze und Pirusa

Das Projekt „Wohnraum für Hilfe“ bringt seit zehn Jahren Senioren und Studierende zusammen – bislang sind 212 Wohngemeinschaften entstanden

Im Buschrosenweg in Großhadern ist es ruhig. Noch. „Sie müssen lange läuten, ich höre sehr schlecht,“ hat Erich Müller am Telefon gesagt.

An der Tür des sandfarbenen Einfamilienhauses hängt eine schwere Metallglocke, doch sie erklingt umsonst. Drei Minuten lang. Und auch die schwarze Katze, die es sich im Garten gemütlich gemacht hat, lässt sich nicht stören.

Erst ein Anruf – das Klingeln des Telefons ist bis nach draußen zu hören – lässt Herrn Müller die Tür öffnen. „Ich war im Keller, am Computer,“ sagt er entschuldigend, steckt das Telefon zurück in die Brusttasche und geht vor in den Flur. In der Schuhecke parkt ein braunes Herrenmodell neben lilafarbenen, mit Pailletten besetzen Mädchenschläppchen.

Vor dem Treppengeländer steht ein zehn Stufen hoher Sauerstofftank. Erich Müller schiebt sich die durchsichtigen Schläuche in die Nase. „Erstmal Luft holen“, sagt er und geht schnaufend vor ins Wohnzimmer. Vor vier Jahren diagnostizierte ein Lungenarzt bei ihm schweres Asthma, seitdem „tankt“ er zwölf bis sechzehn Stunden täglich Sauerstoff.

Der hoch gewachsene 76-Jährige zieht den Schlauch hinter sich her und lässt sich in einen dunkelbraunen Sessel fallen. Auf dem schweren Holztisch vor ihm liegen Fernsehzeitungen und ein Stück Pappe, auf dem die Belegung der digitalen Fernsehprogramme festgehalten ist. „Bei vierhundert Sendern ändert sich dauernd was, da bin ich ganz schön beschäftigt. Sonst habe ich ja nicht viel zu tun,“ erzählt er.

Im Hintergrund läuft der Fernseher. Der Wetterbericht stellt 27 Grad in Aussicht. Erich Müller freut das. Es sei gut, wenn die Sonne scheine. Dann spüre er die Schmerzen in der Schulter nicht. Sobald es kälter werde, müsse er starke Tabletten nehmen, die „gleich nach Morphium“ kämen.

Viele Jahre war Krankheit kein Thema im Hause Müller. Bis zu seinem 70. Lebensjahr war der Journalist berufstätig, fast vier Jahrzehnte lang als Pressesprecher des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes. Er habe nicht an seinem Stuhl geklebt, doch es sei sehr schwierig gewesen, einen Nachfolger zu finden.

Den gemeinsamen Ruhestand konnte das Journalisten-Ehepaar Müller jedoch keine zwei Jahre genießen: Bei einer Ätna-Tour im Jahr 2002 stürzte Erich und brach sich die Schulter, wobei die Gelenkkugel zersplitterte. Wenige Monate später wurde bei seiner Frau Ingeborg Krebs diagnostiziert.

Bis zu ihrem Tod 2003 lebte das Paar in einem Pflegeheim in Nürnberg. Als es ihm gesundheitlich besser ging, er wieder laufen gelernt und sogar ein paar Fahrstunden genommen hatte, zog es Erich Müller aber nach München und in sein Haus zurück. „Was sollte ich denn in Nürnberg?“ fragt er und rückt unter seinen braunen Cordhose den Schlauch zurecht.

Sein Sohn, der in Nürnberg ebenfalls als Journalist arbeitet, erzählte ihm vom Projekt „Wohnraum für Hilfe“, das vom Seniorentreff Neuhausen und dem Studentenwerk München organisiert wird und in diesem Herbst seinen zehnten Geburtstag feiert. „Wohnraum für Hilfe“ zeichnet sich dadurch aus, dass die studentischen Untermieter ihre Kaltmiete nicht bezahlen, sondern bei ihren meist betagten Vermietern in Hilfsstunden abarbeiten. Für jede Stunde, in der die Studenten den Garten pflegen oder Besorgungen erledigen, werden den Untermietern zehn Euro gutgeschrieben. 212 Wohngemeinschaften hat das Projekt bis Mitte 2006 vermittelt.

2003 schickte das Studentenwerk Erich Müller die junge Russin Irina, mit der er ein Jahr lang gut zusammenlebte – bis seine Mitbewohnerin sich in einen Mann verliebte, der heimlich bei ihr einzog. „Ihr Freund hat dann einfach mit im Haus gelebt und morgens meine Handtücher benutzt.“ So sei das nicht weitergegangen. Müller kündigte Irina, und das Studentenwerk vermittelte ihm Pirusa Dallakyan, eine 24-jährige Armenierin.

Im Januar 2005 bezog sie ein Zimmer im Obergeschoss seines Hauses. Bezahlen muss sie nur ihren Telefonanschluss. Im Gegenzug versorgt sie die Katze, bringt den Müll raus, und sie kocht. „Pirusa ist eine sehr gute Köchin, aber manchmal macht sie einfach viel zu viel,“ sagt Erich Müller, und klingt zum ersten mal empört.

Unangenehm sei es ihm nicht, sie um Hilfe zu bitten. Das habe von Anfang an gut geklappt, wahrscheinlich auch, weil seine Mitbewohnerin aus einer Großfamilie stamme. Der Umgang miteinander sei freundlich, beide wahrten aber auch Distanz.

„Wir teilen uns Küche und Bad, ansonsten lebt jeder sein Leben. Pirusa studiert Germanistik und Kulturwissenschaften. Außerdem hat sie einen Nebenjob und unternimmt viel mit einer armenischen Tanzgruppe,“ sagt er, „meist ist sie erst am frühen Abend zurück.“ Häufig kämen auch Freundinnen zu Besuch.

Erich Müller ist froh über seine Wohngemeinschaft: „So lange ich es aushalten kann, will ich hier im Haus wohnen bleiben.“ Besorgungen mit dem Auto mache er selber, Pirusa übernehme die Küche, und die Katze sei ein guter Wächter. „Wir wohnen hier ganz zufrieden zu dritt, die Pirusa, die Katze und ich.“

Mit Verwunderung beobachtet er allerdings eine neue Angewohnheit seiner studentischen Mitbewohnerin: „Die Pirusa hat jetzt angefangen, abends Bier zu trinken. Sie sagt, das hilft ihr beim Entspannen.“ Er habe ihr beim letzten Einkauf ein paar Flaschen mitgebracht. In Zukunft müsse sie sich die aber selber besorgen.