Hören, was es noch nicht zu lesen gibt
Die Buchbranche entdeckt Podcasts für sich – Der Hörbuchverlag Random House Audio war mit seinem Podcast-Debüt erfolgreich.
von Karolin Jacquemain
Juli 2006
Die männliche Stimme klingt angenehm weich und melodisch, der leichte Akzent rollt die r-Laute und zischt das ‚s’ scharf durch die Zähne: „Die einzigen Wickel, die wirklich helfen, sind Schnapswickel an den Füßen, aber dafür bist du zu jung. Es gibt nichts Schlimmeres, als über die Füße besoffen zu werden.“ Die Stimme gehört dem 28-jährigen bosnischen Autor Saša Stanišic, der hier keine Lesung bestreitet, sondern als so genannter Podcast übers Internet zu hören ist: Auf der Internetplattform audibleblog.de steht Stanišics Roman „Wie der Soldat das Grammofon repariert“ Hörern zum kostenlosen Herunterladen bereit – zwei Monate vor Erscheinen des Buches in den Läden.
Laut Information des Kölner Hörbuch-Verlages Random House Audio werden sich in den nächsten Tagen rund 2000 Zuhörer Stanišics Podcast auf ihre Festplatte oder MP3-Player laden, um mehr über Alexanders Kindheit im bosnischen Višegrad zu Beginn des jugoslawischen Bürgerkrieges zu erfahren. Alexanders Lebensgeschichte ähnelt Stanišics, der als 14-Jähriger mit seiner Familie vor dem Krieg in Višegrad nach Deutschland floh.
Am 14. Juli startete die sechsteilige Podcastserie von Saša Stanišics Roman – ein Gemeinschaftsprojekt von Random House Audio und dem Internet-Hörportal Audible. Jede Woche können Hörer eine neue Folge des Podcasts herunterladen, kommentieren und weiterempfehlen. Der Autor liest hierfür ausgewählte Romanauszüge, die jeweils zwischen zwei und vier Minuten lang sind. Die Audio-Beiträge sind zeitgleich sowohl über audibleblog.de als auch über die Homepages von Random House Audio und dem Bayerischen Rundfunk abrufbar.
Der Hörbuchmarkt fährt nach wie vor stabile Gewinne ein: In diesem Jahr rechnen die Verlage mit 180 Millionen – 2010 sollen es sogar 300 Millionen sein. Der Übergang vom Liebhaber- zum Massenmarkt ist vollzogen - jetzt denken die Verlage über neue Formen der Vermarktung nach. „Der eigentliche Hörbuch-Boom beginnt erst jetzt, mit dem Siegeszug der MP3-Player und der ständig wachsenden Zahl der Download-Portale im Internet“, sagt Ines Wallraff, Marketingchefin bei Random House Audio. Zwei große Vorteile machen Podcasts laut Wallraff so attraktiv: die äußerst geringen Produktionskosten in Höhe von einigen 100 Euro und die Möglichkeit der gezielten Höreransprache.
Noch ist Podcasting in der Verlagsbranche selten. Wallraff verfolgt das Medium seit seinem Aufkommen in Deutschland vor gut anderthalb Jahren aufmerksam. Als der Rowohlt-Verlag im August 2005 mit einer Podcastserie des noch unveröffentlichten Romans „Die Titanic und Herr Berg“ der Autorin Kirsten Fuchs bei Audible auf Sendung ging, fiel auch in den Büroräumen im Kölner Mediapark die Entscheidung für einen Podcast-Versuch.
Den passenden Autor zum Medium fand Ines Wallraff in Saša Stanišic, Gewinner des Publikumspreises beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb 2005. So wie die junge, damals völlig unbekannte Kirsten Fuchs, ist auch der 28-jährige Saša Stanišic bisher allenfalls Branchenkennern ein Begriff; auch sein Roman ist ein Debüt. Mitte September erscheint „Wie der Soldat das Grammofon repariert“ im Bertelsmann-Verlag Luchterhand. „Einen passenden Autor zu finden, der kommunikativ und in ein bestimmtes Netzwerk eingebaut ist, war die Voraussetzung für einen Podcast“, sagt Wallraff. Stanišic hält sie aufgrund seiner durch Gemeinschaftslesungen und Stipendien gefestigten Kontakte zur Literaturszene für einen idealen Kandidaten. Dass er eine eigene Homepage betreibe (www.kuenstlicht.de), mache seine Podcasts noch authentischer. „Ausschlaggebend waren natürlich die Begeisterung und Bereitschaft des Autors, sich auf die Idee einzulassen“, sagt Wallraff. Saša Stanišic selber sieht in seinen Podcasts ein Angebot für ein junges Publikum mit einem Grundinteresse für Literatur: „Der Anreiz lag darin, meine Texte einem netzorientierten Publikum anzubieten, das sich von dem Buch angesprochen fühlt und so vielleicht zu meinen Lesungen kommt.“ Podcasts hält der Autor für etabliert – weshalb der Szene-Begriff für ihn längst seine Gültigkeit verloren hat: „Wenn sich schon die Kanzlerin traut, kann man wirklich nicht mehr von einer ‚Podcast-Szene’ sprechen.“
Audiobuch-Plattformen wie Audible bieten Nachwuchsautoren die Möglichkeit, ein interessiertes Publikum anzusprechen – trotz der begrenzten Präsenz der Romane im Buchhandel. „Gerade für junge Literatur ist Podcast ein guter Absatzkanal und ein interessantes Werbemittel“, sagt Kathrin Rüstig, Leiterin Content bei Audible. Der deutsche Ableger des erfolgreichen US-Internetportals ist seit Dezember 2004 aktiv - ebenfalls mit großem Erfolg: Für dieses Jahr prognostiziert Rüstig rund 500.000 Downloads; die Zahlen des ersten Halbjahres 2006 stiegen um 420 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.
In Deutschland nutzen inzwischen eine halbe Millionen Hörer regelmäßig Podcasts. Experten rechnen damit, dass sich diese Zahl in den nächsten zwei bis drei Jahren vervierfachen wird. Und die Hörbuchbranche gewinnt über Podcasting eine neue Zielgruppe: „Wir sprechen keine klassischen Buchhandlungsgeher, sondern eine neue Szene der Mediennutzer, die so genannte ‚Generation iPod’ an“, sagt Rüstig. Eine direkte Konkurrenz der Medien sehen beide Seiten hierbei nicht. „Wir freuen uns über die Möglichkeit, die ‚Jungen’ für Literatur abholen und uns neue Kunden heranziehen zu können“, sagt Ines Wallraff.
Das begleitende Forum zu den Podcasts, in dem die Hörer die Beiträge kommentieren können, verfolgt sie mit besonderem Interesse. „Was für ein aufregendes und anrührendes Werk. Die Wochen sollen bitte schneller vorübergehen, damit die Kapitel nicht mehr nur als Appetithappen bei mir eintrudeln“, lautet zum Beispiel der Kommentar einer begeisterten Hörerin. „Wir bekommen ein starkes Feedback von den Hörern. Das Forum bietet die Möglichkeit einer leichten, direkten Kontaktaufnahme mit dem Autor“, so Wallraff.
Ulrike Schwermann, im Rowohl-Verlag verantwortlich für das Online-Marketing, hat mit ihrer Podacst-Serie bei Audible ebenfalls gute Erfahrungen gemacht. „Podcasts sind ein effektives Mittel um eine ganz konkrete Zielgruppe anzusprechen, also junge, urbane, technisch versierte Leute“, findet auch sie. Acht Wochen vor Erscheinen des Buches ging der Podcast der Autorin Kirsten Fuchs bei Audible auf Sendung. Die Autorin las hierfür in Berlin live aus ihrem Buch, an öffentlichen „klingenden“ Räumen wie der U-Bahn, dem Prinzenbad oder einem Café. Mit insgesamt 30.000 Downloads und über dreißig Kommentaren zu den einzelnen Lesungen glückte diese Art der Leseransprache.
Und mit knapp 10.000 verkauften Exemplaren des Romans zeigte sich der Verlag ebenfalls zufrieden. Ein konkreter Zuwachs bei den Verkaufszahlen des Romans durch Podcasts ist trotz der positiven Resonanz nicht nachzuweisen. „Podcasts spielen ausschließlich eine Rolle in der gezielten Leseransprache“, sagt Schwermann. Vielmehr als um die Reichweite gehe es um die Aufmerksamkeit in spezifischen Foren, wobei positive Verkaufszahlen natürlich ein gern gesehener Nebeneffekt seien. Schwermann sieht Podcasts als „ein Instrument im Marketingmix – allerdings eines, das nur für ausgewählte Titel oder Autoren eingesetzt werden kann“.

