Immer mit der Ruhe, Baby!

Franzisca Priegnitz – 8. Januar 2007 – 17:15
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Sanft streicht Susanne Allmendinger mit der linken Hand über ihren Kugelbauch. 38. Schwangerschaftswoche, ­ das erste Kind! Nur noch wenige Tage, dann ist die 37-Jährige Mutter. Stichtag für die Geburt des Sohnes ist der 5. Januar. Eine knappe Woche zuvor tritt das neue Elterngeldgesetz in Kraft. Damit bekommt Allmendinger ein Jahr lang 67 Prozent ihres bisherigen monatlichen Nettoeinkommens vom Staat . Unter einer Bedingung: Ihr Bub darf auf keinen Fall vor dem 1. Januar auf die Welt kommen. Allmendinger muss sich deshalb wie alle anderen Hochschwangeren in Bayern ­ in der letzten Woche 2006 besonders schonen.

Um eine frühere Geburt zu verhindern, will Allmendinger die Dinge „ruhig” angehen: Die Weihnachtsfeiertage habe sie zu Hause verbracht, Silvester sei das Gleiche geplant. Außerdem vermeide sie alles, was den Kleinen in ihrem Bauch dazu bewegen könnte, sich womöglich doch noch zu beeilen: heiß baden, mit Rosmarin gewürztes Fleisch essen oder Weihnachtsgebäck mit Zimt naschen.

Obwohl Allmendinger auf das Elterngeld nicht angewiesen ist, ihr Mann verdiene genug für die Familie, freut sie sich über die finanzielle Unterstützung: „Es ist toll, dass die Regierung endlich erkennt, dass Muttersein auch anstrengende Arbeit ist”, sagt sie.

Bei aller Euphorie über das Elterngeld warnt Uwe Hasbargen, geburtshilflicher Leiter des Perinatalzentrums im Klinikum Großhadern: Den „natürlichen Geburtsbeginn aufhalten” könne nichts und niemand. Hasbargen rät allen Schwangeren, sich insbesondere kurz vor dem Geburtstermin auszuruhen, um für die anstrengende Geburt Kraft zu sammeln. Vor allem aber sollte jede Frau „den Dingen ihren Lauf lassen”. Jede Beeinflussung des natürlichen Geburtsbeginns berge Risiken.

„Vor allem Frauen mit Schwangerschaftsdiabetes, Bluthochdruck oder einer Plazenta-Unterversorgung sollten nicht über den Stichtag gehen”, sagt Hasbargen. „Bei ihnen besteht das Risiko, dass der Fetus von der Plazenta nicht ausreichend versorgt wird. Die Folgen können schwere gesundheitliche Schäden, Behinderungen bis hin zum Tod des Kindes im Mutterleib sein.”

Auch von der Einnahme wehenhemmender Medikamente rät Hasbargen dringend ab, solange es keinen medizinischen Grund gebe. „Sie haben erhebliche Nebenwirkungen, die für das Kind gefährlich sein können, wenn die Einnahme nicht im Mutterleib überwacht wird.” Aus Medizinersicht sei es unethisch und fahrlässig, solche Mittel ohne Grund zu verordnen. Sobald die ersten Wehen einsetzten, könnten solche Medikamente ohnehin nichts mehr bewirken.

Für alle Frauen mit normalem Schwangerschaftsverlauf, die einen Geburtstermin nach dem 24. Dezember haben, hat Hasbargen aber gute Nachrichten: „Für sie ist es unbedenklich, mit der Geburt bis nach dem Jahreswechsel zu warten, wenn vorher keine natürlichen Wehen auftreten.”

Da Allmendinger bis jetzt eine „Bilderbuchschwangerschaft” hatte, wie sie sagt, gibt es also keinen Grund, warum ihr Sohn zu früh auf die Welt kommen sollte. Und was ist, wenn er es vor Silvester plötzlich ganz eilig hat? „Dann bekomme ich mein Baby eben noch im alten Jahr”, sagt sie. „Wenn es losgeht, werde ich kaum über das Elterngeld nachdenken.” Dann sei nur noch wichtig, dass die Geburt gut verläuft, ihr Sohn schnell und vor allem gesund das Licht der Welt erblickt. „Für das Elterngeld die Gesundheit meines Babys zu riskieren, kommt jedenfalls nicht in Frage.”

Wie Allmendinger denken auch Stefanie Neumann und Ana Berned-Garcia. Beide sind hochschwanger und haben ihren Stichtag kurz nach dem Jahreswechsel. Für Neumann ist es schon das zweite Baby. „Mein Sohn kam vor zwei Jahren genau zum errechneten Termin. Jetzt hoffe ich, dass mein zweites Kind ebenso pünktlich ist”, sagt die 38-Jährige. Die Geburt wäre dann am 2. Januar, also ganz knapp nach dem Stichtag für das Elterngeld. Weil so kurz nach Jahresbeginn vermutlich viele Mütter in den Krankenhäusern gebären werden, ist sie froh, sich für eine Hebamme im Geburtshaus entschieden zu haben. „Auf einer überfüllten Geburtsstation im Krankenhaus möchte ich mein Kind nicht zur Welt bringen”, sagt sie. Falls das Baby vor Januar kommt, sei das auch nicht schlimm: „Ich war die letzten zwei Jahre in Erziehungszeit und bekäme sowieso nur den Mindestbetrag von 300 Euro.”

Berned-Garcia macht sich wegen der Geburt ihres ersten Kindes überhaupt keine Sorgen. „Mein Stichtag ist erst der 16. Januar.” Bis vor kurzem habe man ihr noch zu einem geplanten Kaiserschnitt zwei Wochen davor geraten, „weil mein Baby so groß ist”, erzählt die 35-Jährige. Doch inzwischen steht fest, dass auch für sie und ihren ungeborenen Sohn eine natürliche, spontane Geburt unproblematisch sei. „Diese Nachricht erleichtert mich viel mehr als die Aussicht auf das Elterngeld. Die Gesundheit des eigenen Kindes zu riskieren, ist es nicht wert”, sagt Berned-Garcia. Denn dabei ginge es um das Leben des kleinen Menschen beim Elterngeld nur um ein paar Euro.

Dennoch gibt es werdende Eltern, die jede Chance auf das Elterngeld nutzen würden, zur Not mit einem geschummelten Geburtsdatum in der Geburtsurkunde. Andrea Bolz vom Bund freiberuflicher Hebammen Deutschlands lehnt ein solches Anliegen entschieden ab. „Hebammen sind dazu verpflichtet, das wahre Geburtsdatum mit der korrekten Uhrzeit in die Geburtsurkunde einzutragen”, sagt sie. „Alles andere wäre Urkundenfälschung.” Gerade bei Hausgeburten ließe sich das aber nicht kontrollieren.

Immerhin: 686 000 Kinder wurden im vergangenen Jahr in Deutschland geboren, also rund 1880 pro Tag. In München kamen im vergangenen Jahr 13 167 Babys auf die Welt, 36 pro Tag. Wenn die Geburtenzahl für den kommenden 31. Dezember deutlich niedriger und die für den 1. Januar erheblich höher ist, könnte das am Elterngeld liegen. „Ich rechne aber nicht mit einem signifikanten Unterschied”, sagt Hasbargen vom Klinikum Großhadern ­ und versichert: „Auf unserer Station wird es keine Manipulation der Geburtsurkunden geben.”

Neben den rechtlichen sprächen ethische Gründe dagegen: „Das Geburtsdatum ist eines der prägendsten Merkmale der menschlichen Identität. Das zu manipulieren, wäre ein fundamentaler Eingriff in die Persönlichkeit und ein Betrug am Menschen.” Dass werdende Mütter sich nach den Möglichkeiten erkundigen, das Geburtsdatum zu beeinflussen, kann er nachvollziehen. „Wenn man ihnen aber die Risiken und Auswirkungen erklärt, sind die meisten verständig”, sagt er. Er überlegt kurz. „Am besten ist es, das Leben so zu nehmen, wie es kommt.”

Erschienen im Münchner Merkur am 27.12.2006