Interview: Fünf Fragen an Maximilian Hecker (Musikexpress 11/06)
Maximilian Hecker über das Textdilemma, die Vorteile einer künstlichen Stimme und seine Fans in Asien
1. Deine neue Platte „I’ll Be A Virgin, I’ll Be A Mountain“ bezeichnest du selbst als deine bisher positivste, dabei sind die Texte oftmals ganz schön düster. Wie passt das zusammen?
Ich habe eigentlich alle meine Platten als positiv empfunden, obwohl viele das anders gesehen haben. Auf dieser Platte hört man aber auch objektiv mehr Leichtigkeit, glaube ich. Das liegt nicht etwa daran, dass ich bei den Aufnahmen in einer anderen Stimmung war. Man ist immer Sklave seiner Idee, die vom Himmel fällt und dann halt in gewisser Weise eine Umsetzung verlangt. Manchmal eben eine leichtere. Meine Intuition ist immer positiv, auch wenn die Songs zunächst morbide wirken oder als traurig interpretiert werden. Ich glaube, die Leute, denen meine Musik gefällt, die macht sie glücklich, die verstehen das einfach. Zu dem Vorwurf der Weinerlichkeit, der immer wieder kommt, kann ich nur sagen: Das ist ein absolutes Missverständnis. Ich weine nicht, ich lache. Auf eine vielleicht nicht so deutliche Art und Weise.
2. Du singst jetzt einige Songs in der Bruststimme statt in der hohen Falsettstimme, die ja eigentlich dein Markenzeichen ist. Warum?
Ein bisschen hat es vielleicht damit zu tun, dass ich Bob Dylan für mich entdeckt habe. Vor allem haben aber meine Mitmusiker immer zu mir gesagt, es gefiele ihnen so gut, wenn ich in der Bruststimme singe. Das ist meine Sprechstimme, die ist natürlich näher an mir dran, weniger künstlich. Mir fällt es viel leichter, in der künstlichen Stimme, also im Falsett, zu singen, weil ich dann nicht so sehr mit mir selbst konfrontiert bin. Die Frage, ob ich mit mir einverstanden bin oder nicht, muss ich dann gar nicht austragen. Das ist ein bisschen so, als würde man eine zweite Persönlichkeit erschaffen. Eine, die in einer besseren Welt lebt. Das ist es eigentlich auch, was ich mit meiner Kunst erreichen will: Neben der realen Welt eine künstliche zu schaffen und durch mein lyrisches Ich an dieser perfekten, reinen Welt teilzunehmen.
3. Welche Rolle spielen dabei die Texte? Du hast mal gesagt, sie bedeuten für dich höchstens zehn Prozent, während die Musik 90 Prozent ausmacht, trotzdem wirken sie sehr poetisch und durchdacht.
Die Texte sind der Musik auf jeden Fall untergeordnet. Sie haben eine Bedeutung, aber offenbar verwirren sie viele Leute. Wenn man sie von der Musik abstrahiert, könnte ein falscher Eindruck entstehen. Man sollte darum Songtexte nicht lesen. Erst die Musik sagt einem, dass ein Text, der vom Tod handelt, nicht notwendigerweise morbide gemeint ist. Dass die erlösende Komponente des Todes gemeint ist, wenn die Musik erlösend und versöhnend klingt. Besonders gut gelöst haben das Dilemma mit den Texten Sigur Ros. Die singen entweder in einer Sprache, die fast niemand spricht oder in einer Kunstsprache.
4. Seit deiner ersten Platte hast du immer wieder betont, dass dir der internationale Erfolg viel wichtiger ist als der Erfolg in Deutschland. Für das Goethe-Institut bist du inzwischen durch 35 Länder getourt. Wo hört man deine Musik?
Vor allem in Taiwan und Südkorea. Ich habe da eine Plattenfirma, die meine Platten regulär rausbringt und spiele Konzerte, die sich alleine durch die Ticketverkäufe finanzieren. Ich habe das Gefühl, dass die Leute da einen intuitiveren Zugang zu meiner Musik haben. Dort wird der Tod zum Beispiel nicht als negativ wahrgenommen. Die Leute verstehen meine Intention direkter, ohne Umweg. Vielleicht sind sie auch respektvoller.
5. Du hast jetzt vier Platten gemacht und noch keine einzige Kooperation mit einem anderen Künstler oder einer Band, was gerade in Berlin fast ungewöhnlich ist. Machst du das aus Prinzip nicht?
Ich bin dazu nicht in der Lage. Ich weiß auch einfach gar nicht, wie man so etwas macht. Ich muss immer alles alleine machen, ich bin ein Einzelgänger. Aber vielleicht kommt das ja mal. Vielleicht nehme ich in zehn Jahren mal ein Duett auf mit...ähm... James Last.

