Konzertkritik: Joanna Newsom & The London Symphony Orchestra: Jenseits der Transzendenz (intro 03/07)
19.1. - London, Barbican Hall
Sie kommt nicht im Empirekleid mit zarten Puffärmeln. Sie kommt in dunkelgrau, weite Hose, Pulli, Stiefeletten, die mit ihren schneidenden 15cm+-Absätzen wohl nur im Laden für spezielle Interessen zu haben sind. Wichtig? Bei einer Künstlerin, die trotz eines überraschenden ersten und eines überwältigenden zweiten Albums auch immer wieder wegen ihrer Mädchenhaftigkeit wahrgenommen wird, setzt so ein Aufzug einen feinen Akzent. Die Barbican Hall hält kurz die Luft an, als sie kommt. Schnell nimmt sie vor den Herrschaften des London Symphony Orchestra Platz, legt sich diese überdimensionale Harfe an die Schulter und singt: „The meadowlark and the chim-choo-ree....“ Die nächsten 50 Minuten gehören Ys. La Newsom bringt ihr Werk auf die Bühne. In Echtzeit. Das Orchester lässt die Arrangements von Van Dyke Parks durch den Saal lodern. Alles echt, sogar Bill Callahan. Der Mann formerly known as Smog übernimmt seinen Mini-Part bei „Only Skin“ auch hier. Am Beeindruckendsten ist Newsoms Performance selbst: Sie haut rigoros in die Harfensaiten, nicht einmal verrutscht die Stimme, nicht einmal stockt sie vor dem imposanten Textberg. Nach „Cosmia“ tosender Applaus. Zehn Minuten Pause. Jetzt trägt sie doch ein Kleid, ihre Beine stecken aber in herrlich grotesken Skelett-Strumpfhosen. Ohne Orchester folgen ein paar Stücke von The Milk-Eyed Mender, zum Schluss „Sadie“. Weit hinten sitzt P.J. Harvey mit eingezogenem Kopf und schaut ernst und gebannt auf die Bühne. Hier passiert etwas Großes.

