Lokalreportage: Auf der Suche nach dem verlorenen Querulanten: Fassbinder in München
Man muss den Kopf halbschräg legen, um die karge Schrift zu lesen. Seitlich liegt der Stein im Gras, gehalten von zwei Holzscheiten, einzige Zeichen eines freundlichen Gedenkens: Drei kleine Kieselsteine, nach jüdischer Tradition auf den gekippten Naturstein gelegt. So also ist der vielleicht wichtigste deutsche Filmemacher begraben? Die Sonne scheint auf den kleinen Friedhof St. Georg am Bogenhausener Kirchplatz, auf dem Rainer Werner Fassbinder vor nunmehr 24 Jahren beerdigt wurde, und man denkt: Das kann doch nicht alles sein.
Es ist nicht alles. Fassbinders Spuren finden sich noch in der Stadt, an der er sich stets gerieben hat. Er ist noch da, aber man muss ein wenig nach ihm suchen. „Da drüben in der Wohnung, wo die vier hellen Fenster sind, da hat er gewohnt“, erzählt Dietmar Holzapfel und deutet aus dem Fenster der ‚Deutschen Eiche’ auf die gegenüberliegende Seite der Reichenbachstraße. „Da ist auch gedreht worden, ‚Deutschland im Herbst’ – bis vor kurzem hing da sogar noch die alte Tapete drin, die man in der Episode sieht.“ Holzapfel, der mit seinem Partner Josef Sattler seit fast zehn Jahren die traditionsreiche ‚Deutsche Eiche’ führt, hat sich zu einem echten Fassbinder-Experten entwickelt. In der Stammkneipe des trinkfesten Filmemachers, einem der ältesten schwulen Lokale im Münchner Glockenbachviertel, erinnert heute noch vieles an den ehemaligen Dauergast. Überall im Haus hängen die alten Filmplakate, eine goldene Plakette am Eingang lädt in Fassbinders „zweites Wohnzimmer“ ein. Zu seinem 60. Geburtstag im letzten Jahr, der in München beinahe vergessen worden wäre, haben Holzapfel und Sattler in Kleinstarbeit eine eigene Ausstellung auf die Beine gestellt. „Fotos aus Büchern kopiert, ausgeschnitten, Filme zusammen geschnitten und projiziert - das war richtig viel Arbeit, die ganze Eiche war voll“, erinnert sich Holzapfel. Aber gelohnt hat es sich für den bekennenden Fassbinderfan allemal: „ Ich bin da schon ein bisschen stolz drauf. Einfach, weil ich seine Filme total schätze.“ Nur Freunde hat Fassbinder allerdings auch in der ‚Deutschen Eiche’ nicht. „Manche waren auch schon genervt, wenn hier die Filme liefen, das war schon zu seinen Zeiten so“, sagt Holzapfel, „manche kamen extra wegen ihm und manche kamen gerade wegen ihm nicht.“
Wegen Fassbinder zum ersten Mal in die ‚Deutsche Eiche’ gekommen ist vor ein paar Jahren auch der Dramaturg Björn Bicker. Jetzt hat er selbst mitgeholfen, einen anderen Fassbinder-Ort wieder in das Bewusstsein zu rücken. Mit seinen Kollegen von den Münchner Kammerspielen hat Bicker die „Praxis Fassbinder“ wieder belebt. In der neu gestalteten Wohnung in der Sendlinger Straße, in der die Familie Fassbinder nach dem Krieg wohnte und in der Vater Fassbinder seine Arztpraxis und Mutter Fassbinder ihre Pension hatte, findet derzeit ein Teil des Bunnyhill-Programms der Kammerspiele statt – eine Art Treffpunkt für Kunst und Diskurs mitten in der Stadt. Jedes Zimmer ist anders gestaltet, Fassbinder zieht sich als Leitmotiv durch die Räume „Er vertritt so etwas, was man sich für München manchmal wünscht“, erläutert Bicker seine Faszination für Fassbinder, „Verschwendung, Regelverstöße, Übermaß.“
„Als besonders ruppig habe ich ihn aber nicht erlebt“, erinnert sich die 82-jährige Kammerspiel-Schauspielerin Doris Schade an ihre Zusammenarbeit mit Fassbinder für „Die Sehnsucht der Veronika Voss“ – und erzählt augenzwinkernd von ihrem ersten Zusammentreffen mit dem Enfant terrible des Neuen Deutschen Films in München: „Es war in der Deutschen Bank an der Maximilianstraße. Ich stand am Schalter und holte mir Geld. Wir guckten uns lange stumm an und dann habe ich zu ihm gesagt ‚Na’ und er sagte: ‚Na’ - und da waren wir bekannt.“ Die Deutsche Bank als Fassbinder-Ort? Doris Schade zumindest wird sich dort immer an ihn erinnern: „So ein Avantgardist geht in die Deutsche Bank? Ich vergesse leider schnell, aber das werde ich nie vergessen.“

