Lokalreportage: Auf die harte Tour

Mario Kubina – 21. Dezember 2006 – 16:03
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Auf die harte Tour 

Krav Maga - Kampfsport aus Israel

 

Knapp zwei Dutzend Leute in Trainingskluft haben sich auf dem Rasen versammelt, in ihrer Mitte liegen ein Schlagstock, ein Messer und ein Revolver. Vom Vereinshaus weht der Duft würziger Grillspieße herüber, auf der Terrasse nippen ein paar Sportsfreunde an ihrer Limonade. Wo sonst König Fußball das Geschehen bestimmt, geht es an diesem Sonntagnachmittag um Selbstverteidigung, genauer: um Krav Maga, einer Kampftechnik der israelischen Armee.

Das Wort stammt aus dem Hebräischen und bedeutet „Kontaktkampf“. Schon beim Schnupperkurs wird klar: Der Name ist Programm. „Das Problem mit den weichen Lösungen ist, dass die schwierig anzuwenden sind“, wirft Trainer Ralf Ulbig in die Runde, die heute zu Gast beim jüdischen Sportverein Maccabi in Riem ist. „Deswegen machen wir in Krav Maga zuerst die harten Lösungen und kommen später zu den netten.“ Auf dem kantigen Gesicht des 35-Jährigen macht sich ein Grinsen breit, kurz blitzen seine grauen Augen auf.

Um eine  harte Variante der Konfliktbewältigung vorzuführen, nimmt er sich Arno Wunsch (20) zur Brust, einen seiner beiden durchtrainierten Helfer. Arnos Aufgabe: Er soll einen Angreifer simulieren, der sich zwischen die Beine seines Opfers wirft. Zielsicher stößt Ulbig seinen Kompagnon am Schlüsselbein von sich, verpasst ihm dann einen Fußtritt in den Brustkorb, um schließlich dessen Kinn zu erwischen. Die beiden geben sich sichtlich Mühe, doch die Runde zeigt sich von ihrem Schaukampf unbeeindruckt.

„Das ist ja ziemlich lauwarm hier“, meint Sebastian Bosky, einer der Teilnehmer. Weder Waffenattrappen noch Darbietung haben ihn überzeugt. Der 29-jährige Geschichtsstudent hat in einem Seminar vom Programm der Münchner Israel-Wochen gehört, zu dem auch die Einführung in Krav Maga zählt. „Beim Krafttraining geht‘s nur um Muskelmasse“, meint der eher hagere Bosky. „Hier lernt man hoffentlich, wie man sich aus einer wirklich brenzligen Situation befreit.“ Tatsächlich muss um seine Sicherheit bangen, wer sich Ulbigs Lageeinschätzung anschließt. „Ich will ja keine Panik machen“, so der Nahkampfexperte, „aber es wird gefährlicher auf der Straße.“

Die Münchner Kriminalitätsstatistik bestätigt diesen Befund freilich nicht uneingeschränkt: Laut Polizeipräsidium ist die Anzahl der Delikte im Jahr 2005 im Vergleich zum Vorjahr spürbar zurück gegangen und hat mit gut 120.000 den niedrigsten Stand seit zehn Jahren erreicht. Demgegenüber nimmt die Gewaltkriminalität weiter zu, und das scheint ein verbreitetes Gefühl der Unsicherheit hervorzurufen. So macht der Psychologe Werner Wilk eine „Tendenz zur persönlichen Selbstaufrüstung“ aus. „Im Moment gehört es zum Zeitgeist, sich bedroht zu fühlen.“

Auch Ulbig räumt ein, er selbst habe Gewalt auf offener Straße noch nicht am eigenen Leib erfahren. Einige seiner Bekannten hätten da aber weniger Glück gehabt, darunter Marius Bock (21), der ihn mit Arno beim Training unterstützt. Marius berichtet von einer nächtlichen Schlägerei, in die er einst auf dem Kunstparkgelände geraten sei. Für ihn ist klar: „Das Leben wird immer aggressiver.“ Daher komme der Selbstverteidigung eine immer größere Bedeutung zu. Und diese Fähigkeit könne Krav Maga weitaus besser vermitteln als traditionelle Kampfsportarten wie Taekwondo. Der Grund: Krav Maga versteht sich nicht als Kunst, sondern als bloße Technik. Ziel sei es, so Ulbig, den Gegner „kampfunfähig“ zu machen. Punkt.

Nicht alle Besucher verfolgen indes derart existenzielle Motive. „Mir geht‘s mehr um die Bewegung und den Kontakt zu den Menschen“, sagt Holger Schwarzer (43), Pfarrer aus dem Münchner Umland. „Wozu braucht man in unserer Gesellschaft schon Selbstverteidigung?"