Münchens Weserstadion / Klose statt Schweini (Reportage)

Nina Mareen Spranz – 10. Januar 2007 – 17:24
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In der Schwabinger Kneipe Lloyd's tobt Werder Bremens grün-weiße Leidenschaft

Münchens Weserstadion erschienen in: Weser Kurier - 23. Dezember 2006

http://www.werder.de/aktuelles/presseschau/presse_text.php?id=9489

Klose statt Schweini erschienen in: Sueddeutsche Zeitung - 7. Dezember 2006

Wenn sich die Tür des Lloyds hinter ihnen schließt, beamen sich die Bremer Fußballfans in Sekundenschnelle aus dem Herzen Münchens nach Hause ins Weserstadion. In der Kneipe schäumt die Stimmung bei großen Spielen wie am Dienstag beim kleinen Finale der Champions-League gegen Barcelona schon Stunden vor Anpfiff. Bei kühlem Becks stimmen die Fans ihre Lieder an. Wenn die Werderaner Hymne „Lebenslang grün-weiß” aus den Boxen dröhnt, er-hebt sich ein Meer aus Fanschals in die Höhe. „Anders als im Weserstadion ist das auch nicht”, sagt ein Fan im Klose-Trikot, der mit glühenden Wangen den Anpfiff kaum noch erwarten kann.

Es ist, wie immer, proppenvoll. Eigentlich gibt es Platz für 70 Menschen im Lloyds. Am Dienstag hat die Wirtin Stephanie Scheidler 120 Reservierungen angenommen. Wer keine hat, muss gehen, denn selbst die Fensterbänke sind als Sitzplätze vermietet, die Leute stehen bis auf die Straße. „Zum Glück ist es heute warm, da können wir die Tür auflassen”, seufzt Stephanie. „Ich versteh’ die anderen Wirte nicht. Immer nur Bayern zeigen. Wir zeigen Bremen exklusiv, und der Laden ist immer voll. Die Stimmung ist nicht zu überbieten.” Stephanie ist geborene Münchnerin, und trotzdem „absolut begeistert” von ihren Gästen aus dem Norden. „Wenn Bremen ein Tor schießt, da steh’ ich manchmal hinter der Theke und bekomme Gänsehaut.”

Boris Bongartz steht am Dienstag an seinem Stammtisch neben der Bar, eingepfercht wie im Fan-Block des Weserstadions und hofft auf viel Gänsehaut gegen Barcelona. Der 24 Jahre alte BWL-Student und gebürtige Bremer lebt seit sieben Jahren in Bayern. Früher hat er die Spiele zusammen mit seinem Bruder Timo und Freunden zu Hause angeschaut. Seit einem halben Jahr kommen beide regelmäßig ins Lloyds. Die Fans kennen sich untereinander, wenn jemand Neues mitkommt, fällt das auf. An Boris’ Tisch steht an dem Abend ein Neuer: Max heißt er. Max ohne Schal und Trikot im normalen Strickpulli. Als er den Mund aufmacht, wird schnell klar, warum er kein Fan-Outfit trägt: „I bin a Fan-Diplomat.” Ein Bayer, mitten in Bremen – mitten in München. Das ist kein Problem im Lloyds. Schnell wird angestoßen, und nachdem Max versichert, dass Bayern ihm heute egal und er vollkommen auf der Seite von Bremen steht, wird gleich noch mal zugeprostet. Auch das ist Philosophie im Lloyds. „Beschimpfungen anderer Fußballclubs, das tolerier’ ich nicht. Aber das kommt bei euch ja eh kaum vor”, sagt Wirtin Steffi.

Erst zu Beginn dieser Saison hat die 28-Jährige die Entscheidung getroffen, an Werder-Spieltagen auch ausschließlich Werder zu zeigen. „Da waren ein paar Jungs, die kamen regelmäßig her und haben mich gelöchert, ob wir nicht das Bremer Stammlokal werden können.” Die hartnäckigen Jungs, das waren die Gründer des 1. Münchner SVW-Fanclubs. René Schneider war dabei und auch André Jägeler, der heute der Vorsitzende von „Grün-Weißes München” ist. „Konstituierende Sitzung war quasi beim Spiel Werder gegen Bayern vor ein paar Wochen. Bei Anpfiff waren schon 13 Leute Mitglieder”, erzählt René nicht ohne Stolz die Gründungsgeschichte des Vereins. Im Laufe dieses Spieltages hätten sich dann noch weitere 15 Fans angemeldet. Derzeit seien sie 39 Mann. Vielleicht liegt der Erfolg auch am Untertitel des Vereins: „Grün-Weißes München, das ist der Club zur Förderung des Fußballgeschmacks in München”, sagt der Vorsitzende André und prostet grinsend seinen Fanclub-Kollegen zu.

Gefunden haben sich die Werder Fans in einem Forum im Internet. Dort schrieb ein neu Zugezogener, er suche SVW-Fans in München. Man traf sich, zunächst waren es immer nur zwei oder drei Leute, doch die Gemeinschaft wuchs. „Und das Ergebnis, das kann man heute sehen!” René ist schon vor Spielanpfiff heiser.

Schnell hat es sich auch jenseits der Landesgrenzen Bayerns herumgesprochen, dass München nun einen Bremen-Fanclub und eine Werder-Kneipe hat, und so gibt es bereits eine Fan-Kooperation mit dem Müller-Lüdenscheid, der SVW-Kneipe in Köln. Auf deren Homepage findet sich ein Lloyds-Forum. Zwei Kölner Abgesandte, Pelmich und Nicki, haben schon einmal in München vorbeigeschaut. „Die zwei waren beeindruckt von der Stimmung hier”, freut sich Steffi und mit ihr der Fanclub. Angestrebt wird nun auch eine Kooperation mit dem Alois S, der Bremer Kneipe im Prenzlauer Berg in Berlin.

Endlich Anpfiff

Nun aber Schluss mit dem Gequatsche. Anpfiff. Niemand kann sich mehr auf irgendetwas anderes konzentrieren als die große Leinwand. Flirrende Spannung im Raum – die Unruhe des Spiels in den ersten Minuten überträgt sich auf die Fans im Lloyds. Sie machen sich mit Werder-Bremen-Schlachtrufen ein bisschen Luft. Dann das erste Gegentor. Doch sofort werden aufmunternde Gesänge angestimmt. Nach Gegentor Nummer zwei ist Boris allerdings ein bisschen angeschlagen, aber der Optimismus kehrt schnell zurück. „Die schaffen das noch, ich hab ein gutes Gefühl.”

Doch angesichts der vergebenen Torchancen in der zweiten Halbzeit kann sich Boris nicht mehr bremsen, er schreit sich die Seele aus dem Leib: „Das darf doch nicht wahr sein!” Gerade hatte Jensen bei einem Fernschuss den Pfosten getroffen. „Schieß doch, schieß!” Boris schreit es der Wirtin ins Ohr, die sich gerade mit einer neuen Runde Becks zu den durstigen Fans schlängelt, die ihre Kehlen für den nächsten Schlachtruf ölen wollen. „Er hört dich nicht in Barcelona, Boris!" Stephanie sagt es mit einem fast weisen Lächeln. Sie kennt und leidet mit ihren Fans, versucht trotzdem immer, alle aufzumuntern. Als das Spiel abgepfiffen wird, schaut sie Boris traurig an. Der aber hat sich fast schon wieder gefangen und hat, wie fast alle anderen Bremer hier, die Niederlage eigentlich schon verdaut. René vom Fanclub steht auf dem Tisch und singt „Wir holen den U-U-efa- Cup, und wir werden Deutscher Meister”. Und aus vielen Kehlen tönt es zurück: „Meister!” Die Stimmung im Lloyds brodelt wieder, und alles, was Steffi noch sagen kann ist: „Ihr Bremer, ihr seid der Wahnsinn.”