Reportage: Dem Dorf so nah
Erschienen am 27.11.06 im Münchner Merkur
Dem Dorf so nah
Immer mehr Großstädter zieht es in Wohnprojekte – aus Angst vor dem Altern in Einsamkeit
Ein kühler Septemberwind weht durch den Lindenbaum, schon fallen die ersten welken Blätter. Am anderen Ende des Platzes stehen ein paar Gemüsestände im Halbkreis: Bauernmarkt, wie jeden Mittwoch. Jenseits der umliegenden Häuser ragt der Olympiaturm in den Himmel – eigentlich nur einen Steinwurf entfernt, und doch hat es den Anschein, als befände sich das Wahrzeichen Münchens in weiter Ferne.
Gut 200 Großstadtmenschen haben sich hier im westlichen Schwabing vor knapp zwei Jahren ihr eigenes Viertel geschaffen – mit 92 Wohnungen auf einer Fläche von über 3.000 Quadratmetern. Träger des Wohnprojekts ist die Baugenossenschaft „wagnis“, und deren Name ist Programm: wohnen und arbeiten in Gemeinschaft, natürlich, innovativ, selbstbestimmt.
„Der Mensch ist kein Einzelwesen“, sagt „wagnis“-Geschäftsführerin Elisabeth Hollerbach. Daher sei es das Ziel der Genossenschaft, der zunehmenden Vereinzelung in der Großstadt eine generationenübergreifende Wohnform entgegenzusetzen, die ein „eigenständiges Leben bis ins hohe Alter“ ermögliche. Ein Drittel der Bewohner ist über 60, und auch an diesem Abend ist mancher Grauschopf am gemeinsamen Tisch im „Rigoletto“, dem projekteigenen Speisecafé.
Ein gutes Dutzend Bewohner aus dem gleichnamigen Haus sitzt bei Öko-Wein und vegetarischer Tortilla beisammen, um Probleme aus dem Hausalltag zu besprechen. Auch Ingrid Drum gehört der Runde an, ihrem Auftreten nach ist sie die gute Seele des Hauses: Über dem graumelierten Haar trägt die zierliche Frau ein Kopftuch mit Margeritenmuster; um ihre Schultern hat sie ein dunkelblaues Filzcape gelegt. „Wir wollen alle hier leben, bis wir sterben“, sagt die 68-Jährige mit ernstem Blick. „Wir wollen nicht ins Altersheim!“ Die Nachbarn, so ihre Hoffnung, werden sie vor diesem Schicksal bewahren.
Schon jetzt gibt es im „Rigoletto“ eine Nachbarschaftsbörse, deren Programm vom Yoga-Kurs über Hausaufgabenhilfe bis zum Jazz-Konzert reicht – und das alles geht auf die Initiative der Bewohner zurück. Doch ob deren Solidarität auch für die Pflege älterer Nachbarn reicht? Drum hat daran keinen Zweifel. Jung und Alt könnten doch nur voneinander profitieren: „Mich hat schon ein junges Mädchen gefragt, wie man einen Reißverschluss annäht. So stell ich mir das vor: Man hilft sich gegenseitig, mit Nähzeug, Bügeleisen oder dem Dampfstrahler.“
Die Dinge selbst in die Hand nehmen – das war von Anfang an Beweggrund derer, die sich im Jahr 2000 unter dem Dach von „wagnis“ zusammengeschlossen haben. Gemeinsam übernahmen die Wohngenossen die Bauplanung, wobei jede Partei ihr neues Refugium nach eigenen Wünschen gestalten konnte. In diesen Tagen ziehen die ersten Bewohner in den zweiten Bauabschnitt des Projekts ein.
Von der Dachterrasse des „Rigoletto“ aus sind die Neubauten gut zu sehen, sie liegen gleich hinter dem Genossenschaftsgarten. Lydia Luber-Eckler steht in grüner Strickjacke am Geländer und zeigt mit dem Finger auf die Baukräne gegenüber. Um sie herum reihen sich Terrakotten mit Rosenbüschen und blühendem Oleander. „Ich könnte mir gut vorstellen, hier alt zu werden“, sagt die 52-Jährige, die mit Mann und Tochter eine Maisonette-Wohnung im „Rigoletto“ bezogen hat. Der Weg zur Kaffeetafel führt an einer Reihe von Fenstern vorbei, die den Blick ins Innere der Wohnung freigeben. „Bei uns schaun schon viele rein. Aber mei, schaun s’ halt rein.“
Constanze Hirt, die Nachbarin, kommt mit einer Kanne Kaffee an den Tisch und macht es sich bequem, im Schlepptau ihr Freund Otto Ziehm. „Wir sind nicht die prototypischen Rentner“, gibt Hirt zu Protokoll. Vor Jahrzehnten habe sie bereits daran gedacht, in ein Wohnprojekt zu ziehen. „20 Jahre habe ich in so einem Haus in Schwabing gelebt, wo man sich gerade mal in der Tiefgarage ‚Grüß Gott’ sagt“, berichtet die 69-Jährige. An „wagnis“ schätze sie ein Gemeinschaftsgefühl, das ohne „diesen dörflichen Mief“ auskomme, wie man ihn vom Landleben kenne. Zugeben, soziale Kontrolle gebe es auch hier: „Man sieht einfach, wer nachts nach Hause kommt“, sagt sie. Fast so wie auf dem Dorf.

