Reportage: Der grün-weiße Partybus
Der grün-weiße Partybus - Ampelkletterer, torkelnde Schweden und bierspritzende Deutsche: Was auswärtige Beamte bei der WM erleben
Erschienen in der Süddeutschen Zeitung am 30. Juni 2006
Josef Ingerl hat Bundesligaerfahrung. Er war beim FC Bayern, bei Spielen in der Allianz Arena. Er hat betrunkene Fans aus dem Stadion geschleppt und Randalierer an der U-Bahn-Station festgenommen. Josef ist 23 Jahre und erst seit März im Dienst, als junger Polizeimeister bei der „Bepo”, der Bereitschaftspolizei. In der 24. Hundertschaft, dritter Zug, stationiert in Dachau.
Gemeinsam mit zwei Kollegen steht Josef in der Nähe der Leopoldstraße. Hinter ihm ziehen Fans vorbei, grölend, Fahnen schwingend, mit Bierflaschen in der Hand. Deutschland hat gegen Ecuador gewonnen: pünktlich zum Berufsverkehr. Autofahrer halten an, schimpfen und hupen, weil ihnen Josef und ein Polizeibus die Fahrbahn versperren. „Wir fahren hier immer durch!”, brüllt einer. „Ich bin Anwohner!”, ein anderer. Eine Frau steigt aus ihrem Cabrio, der Motor läuft noch. Sie droht, ihr Auto stehen zu lassen, mitten auf der Straße. „Sie können hier nicht durch”, sagt Josef. „Wenn S’stehen bleiben, lass ich Sie halt abschleppen!”
Die Frau knallt die Autotür zu und wendet. Ein Passat mit Coburger Kennzeichen bleibt stehen, auf dem Rücksitz pressen zwei Kinder ihre Nasen an die Fensterscheibe. „Wie kommen wir denn jetzt auf die A9 ?”, fragt der Fahrer und blickt verwundert, als Josef einen Stadtplan aufschlägt. „Das ist hier bis jetzt mein größtes Problem, dass ich mich nicht auskenn’", erklärt er. Eigentlich kommt Josef aus der Oberpfalz, vom Land, zwischen Kelheim und Regensburg. München-Erfahrung hat er kaum, wie die wenigsten der jungen Polizisten, die während der WM hier eingesetzt sind. Trotz mangelnder Ortskenntnis genießt Josef die Einsätze. „So lange die Fans friedlich feiern, is’ das doch super”, sagt er.
Sabine Drechsler sieht das anders. Die 22-Jährige kommt aus Sachsen, seit März ist sie bei einer Hundertschaft in München im Einsatz. Es ist Achtelfinaltag: Deutschland gegen Schweden. Um 14.20 Uhr steht Sabine mit ihrer Gruppe an Gleis 16, Hauptbahnhof. Sie trägt einen grünen Overall, hat ihren dunkelblonden Pony seitlich unters Barett geklemmt und blickt über die Schultern ihrer Kollegen auf den Bahnsteig. Ein Sonderzug aus Ulm ist eingefahren. Die Türen öffnen sich: Trommeln, Tröten und tausend Fans mit schwarz-rot-goldenen Gesichtern strömen ihr entgegen.
Die drei Männer, die sich links am Zug entlang drängeln, fallen kaum auf: kurzrasierte Haare, Trikots, Deutschlandschal. Ziemlich kräftig sind sie. Als sie das Bahnsteigende erreichen, werden sie von Sabines Einsatzgruppe gestoppt. „Ausweise bitte!” Drei Polizisten tasten die Fans nach Waffen ab. Sabine steht breitbeinig dahinter, im Halbkreis mit fünf anderen Kollegen. Sie beobachtet und hält die Arme einsatzbereit am Gürtel. Fünf Minuten lang bleiben die Fans umzingelt. Dann bringt ein Beamter die Ausweise zurück. Keine Einträge, keine Waffen, alles in Ordnung. Die Männer dürfen weiter ziehen. Fans, die neugierig stehen geblieben sind, beginnen wieder mit ihrem Chor. „Am Anfang macht einem die Stimmung noch Spaß. Aber wenn du um vier Uhr nachts immer noch da stehst, dann reicht’s", sagt Sabine, während sich ihre Gruppe in einer Zweierreihe aufstellt: „Die Fans bestimmen, wie lange der Einsatz geht.”
Draußen vor dem Nordeingang des Bahnhofs setzt sich ein Polizeibus in Bewegung. Auf der Rückbank sitzt Felix Unertl. Per Funk wurden er und seine drei Kollegen in den Olympia-Fanpark gerufen. Felix ist 23, aufgewachsen in Tübingen. Wie Josef und Sabine ist auch er seit März im Dienst. Der Einsatz in München ist für ihn ein Highlight. „Den Weg erklären und sich fotografieren lassen”, beschreibt Felix das Gros seiner Arbeit. Ein paar seiner Kollegen wurden auch schon von hübschen brasilianischen Frauen geküsst. Felix ist das leider noch nicht passiert.
Ein Schwede mit gelbem Kopfschmuck torkelt auf den Polizeibus zu, lacht und winkt: „We are four people! Four people to the stadium please!" – „Sorry, we’re full”, ruft der Beifahrer aus dem Fenster. Als Felix und seine Kollegen am Olympiapark ankommen, werden sie von einer Gruppe Jugendlicher begrüßt. „Grün-weißer Partybus, Sha-lala-lala . . .”, singen sie. Applaus für die Polizei, von deutschen und schwedischen Fans. Felix winkt, ein bisschen lässt er sich von der Stimmung schon mitreißen, gibt er zu.
Um 23 Uhr herrscht Ausnahmezustand in der Leopoldstraße. Deutschland hat gegen Schweden gewonnen, 2:0. Sabine lehnt an einem Polizeibus. Zwei Männer, die ihre Trikots ausgezogen und um die Hüfte gewickelt haben, weichen nicht von ihrer Seite. „Ich wollte auch mal zur Polizei”, sagt der eine. Sabine lächelt. Netter Versuch. Zehn Meter weiter, zwischen feiernden und tanzenden Menschen, haben Beamte eine Ampel umstellt. Oben sitzt ein deutscher Fan, grölt und spritzt Bier in die Menge. „Kommen S’ runter!”, ruft ein Polizist. Der Mann gehorcht. „Was macht’s ihr jetzt mit dem?”, fragt ein Passant. „Der wird lebenslang eingesperrt”, sagt der junge Beamte und grinst. Der Ampelkletterer ist längst verschwunden.
Josef Ingerl hatte Pech an diesem Achtelfinaltag. Sein Einsatzort war die WM-Arena: Ebene 0, die Tiefgarage des Stadions. Obwohl er nur fünfzig Meter vom Spielfeld entfernt war, hat er die Tore nur gehört: am Kreischen der Zuschauer.
Vielleicht hat er heute im Spiel Deutschland gegen Argentinien mehr Glück. Beim Einsatz im Fanpark ist ein kurzer Blick auf die Leinwand nicht verboten. Emotionen dürfen die Beamten jedoch nicht zeigen, Vorschrift. „Aber innerlich freu ich mich riesig, wenn Deutschland ein Tor schießt.”

