Reportage: Schlaflos vor der Staatskanzlei

Christian Limpert – 12. Dezember 2006 – 21:53
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Schlaflos vor der Staatskanzlei - Verdi und die Mahnwache mit Dienstplan

Erschienen in der Süddeutschen Zeitung am 18. Mai 2006

Marco Lochner macht Nebel, Wind und Regen. Er arbeitet im Dunklen, zwischen schwarzen Vorhängen und dicken Seilen. Normalerweise ist er Bühnentechniker an der bayerischen Staatsoper - normalerweise. Denn Marco Lochner streikt. Um 23 Uhr zieht er sich eine leuchtgelbe Sicherheitsweste über den Pulli. Vor ihm liegen acht lange Stunden: Nachtschicht an der Mahnwache.
24 Quadratmeter groß ist das weiße Protestzelt mit der roten Verdi-Fahne. Innen brennt Licht. Auf der anderen Straßenseite thront unbeeindruckt und dunkel die Staatskanzlei. Ein Auto hupt. „Geht’s Weiter!“, ruft der Beifahrer aus dem Fenster. Marco winkt gelassen. Kritik und Beschimpfungen gehören zum Alltag, auch mit Äpfeln wurden sie schon beworfen. "Manchmal brüllt einer ‚Sozialschmarotzer'. Das tut wirklich weh!", gibt Marco zu. 1586 Euro im Monat verdient der Maschinist, der verheiratet ist und zwei Kinder hat. Brutto. "Wer mich da als Luxusstreikenden bezeichnet, hat keine Ahnung, was Leben mit Familie in München kostet." Neben dem Zelt sitzt Olaf Bader, auch er hält Nachtwache. Auf dem Tisch brennt eine Kerze, eine Flasche Bier steht da, neben Chips und Salzstangen. Fast könnte man vergessen, dass es hier um Streik geht. Gegen 42 Minuten Mehrarbeit pro Tag, gegen die Streichung von Urlaubs- und Weihnachtsgeld. „Vor allem gegen den tariflosen Zustand, in dem junge Kollegen Verträge zu miserablen Bedingungen abschließen müssen.", erklärt Olaf. Dass der Streik so lange dauert, hätte er nicht gedacht. "Inzwischen gerät das ganze Privatleben aus den Fugen", gesteht er. „Aber wir machen weiter, bis wir per Abstimmung  einen neuen Tarifvertrag akzeptieren!"
Im Zelt stellt Marco ein Feldbett auf. „Richtig schlafen kann man hier nicht, aber wenigstens ein paar Minuten ausruhen.“ Dann kontrolliert er den Dienstplan, der an der Zeltwand klebt, und auf dem sich die Streikenden für eine Schicht an der Mahnwache eintragen können. Daneben hängt eine Postkarte von der Nordsee-Küstenwache. "Wir sind bei Euch. Haltet durch!", steht darauf.
Draußen laufen die ersten P1-Besucher vorbei. Manche von Ihnen werden später auf dem Heimweg hier stehen bleiben. Betrunken. „Die suchen dann noch irgendein sinnloses Gespräch.", erklärt Olaf Bader. Um 01.10 Uhr hält ein roter Mazda auf dem Bürgersteig. Zwei Männer in Lederhosen steigen aus, mit Tuba und Trompete: Andi und Uwe, Musiker. Bis eben haben sie im Hofbräukeller gespielt. "Solidaritätsständchen!", ruft Uwe. Dann ertönt "La Montanara" und in Richtung Staatskanzlei "Die Internationale". Zwei Fahrradfahrer bleiben stehen und fotografieren die Szene. Marco Lochner freut sich: „Das ist die Entschädigung dafür, dass wir seit 20. März hier stehen, bei jedem Wetter! Und von Leuten beschimpft werden, die gar nicht wissen, zu welchen Bedingungen wir arbeiten!“ Es ist kalt geworden, Marco schließt das Zelt. Olaf und ein junger Kollege sitzen um einen Grill, in dem noch Kohle glüht. Und hier bleiben sie, bis Früh um Sieben die ersten Dienstwägen der Staatskanzlei vorfahren.