Sportreportage: "Mittendrin und nicht dabei"

Anatol Munz – 8. Dezember 2006 – 15:14
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Stadionhausmeister in einer Länderspielnacht

Samstag, 22:36 Uhr. Auf der Anzeigetafel steht Deutschland - Irland 1:0. Drei Pfiffe hallen durch das Stadion. 53.198 Zuschauer verwandeln das Stuttgarter Gottlieb-Daimler-Stadion in einen tobenden Kessel.  
Zur gleichen Zeit zieht der 42-jährige Michael Lamprecht in einem kahlen, fensterlosen  Raum an seiner Zigarette. Auf einem alten Röhrenfernseher flackern die Jubelbilder des EM-Qualifikationsspiels über den Bildschirm. Die Farben sind blass. Das Grün des Rasens wirkt bräunlich-gräulich. Lamprecht geht zur Tür. Kaum hat er sie einen Spalt geöffnet, wird er in gleißendes Flutlicht getaucht. Der saftig grüne Rasen ist nur wenige Meter entfernt. Der tosende Applaus ohrenbetäubend.
Lamprecht ist Hausmeister im Stuttgarter Gottlieb-Daimler-Stadion und hat für das EM–Qualifikationsspiel der Deutschen Nationalmannschaft die Nachtschicht übernommen. Wenn die Massen grölend nach Hause ziehen, fängt für ihn die Arbeit erst richtig an.  
Im Zehnminutentakt klingelt jetzt sein Handy. Fernsehtechnikern muss ein Kabelschacht geöffnet werden. Einige Hostessen kriegen ihre Garderobe nicht auf, Dekorationen müssen abgebaut, Türen geschlossen und Lichter gelöscht werden. Auch das elektrische Zufahrtstor für Lieferanten ist auf Lamprechts Handy geschaltet. „Beim Hausmeister klingeln viele“, sagt er. „Weil sie denken, dass sie da am einfachsten reinkommen.“
Manchmal wird Lamprecht auch angerufen, wenn jemand raus will. Aus einem steckengebliebenen Aufzug zu Beispiel. Die Notruftaste ist auf sein Handy geschaltet. Deshalb nehmen er und seine Kollegen grundsätzlich die Treppe. Denn wenn Lamprecht stecken bleibt, kann er sich höchstens selbst anrufen. „Und wenn zwei Hausmeister die ganze Nacht in ihrem Aufzug festsitzen, kommt das am nächsten Morgen garantiert in der Zeitung“ sagt er.   
Sein wichtigstes Arbeitsgerät ist eine blaue Chipkarte. Sie baumelt an seiner Hose und dürfte der Traum eines jeden Fans sein. Denn damit kommt der Hausmeister an den bulligen Sicherheitsleuten vorbei. Überall und zu jeder Zeit. Selbst in die Spielerkabinen. Dort stehen große Wasserbecken, in denen die hochbezahlten Stars ihre Beinmuskulatur lockern. „Die Iren wollten heute eine Temperatur von 42°C, die Deutschen bevorzugen kalte Becken. Manchmal sogar mit Eiswürfeln“, sagt Lamprecht.
Gegen halb zwölf fährt der Bus der Deutschen Nationalmannschaft vor seinen Arbeitsraum. Lamprecht kann es an einem kleinen Überwachungsmonitor erkennen, der den Eingang zu seinem Arbeitsraum überwacht. „Die sind hier reingefahren, um in Ruhe einsteigen zu können“ sagt er. Dann klingelt sein Handy. Ein Kollege will mit Lamprecht eine Fahne abhängen, die unter dem Stadiondach hängt. Während Bodyguards, Securityleute und Polizisten den Bus von jubelnden Fans abschotten, schlurft Lamprecht in aller Ruhe an Philipp Lahm, Michael Ballack und Jens Lehmann vorbei. 
Auf die Frage, ob er sich eine Begegnung manchmal vom Spielfeldrand ansieht, schüttelt Lamprecht den Kopf. „Dafür hab ich keine Zeit. Und selbst wenn - stellen sie sich vor, mein Arbeitgeber schaut sich die Übertragung im Fernsehen an und ich steh während meiner Arbeitszeit am Rasen rum.“ Die Fahne, die er und sein Kollege abhängen muss, ist mit Schraubzwingen und Schnüren an der Beleuchtungsstrecke angebracht worden. Hoch über dem Spielfeld, an der sogenannten Beleuchtungsstrecke unter dem Stadiondach. Während eines Spiels darf sich dort oben niemand aufhalten. Aus über dreißig Metern Höhe wird jedes kleine Schraube, die herunterfällt, für die Zuschauer gefährlich. „Früher sind wir für Wartungsarbeiten manchmal auch auf das Stadiondach hinauf“, sagt Lamprecht. Es besteht aus einem hochbelastbaren Polyestergewebe. „Aber vor kurzem ist die Garantiezeit abgelaufen“ sagt Lamprecht. „Seitdem gehe ich da nur noch extra gesichert hoch.“ 
Um halb zwölf gehen im gläsernen Studio neben der Haupttribüne die Lichter aus. Gerhard Delling und Günter Netzer waren sich heute anscheinend schneller einig als gewöhnlich. „Bevor die nicht fertig sind, dürfen wir die Flutlichtanlage nicht herunterfahren“ erklärt Lamprecht. Ein in gleißendes Licht getauchtes Stadion macht sich als Hintergrund fürs Fernsehen einfach besser.
Auch nach Mitternacht klingelt das Handy des Hausmeisters im Zehnminutentakt. Jemand hat seinen Geldbeutel verloren, die Wasserbecken in den Spielerkabinen müssen entleert werden, eine Dame vom Catering möchte einen Schlüssel zurückgeben. Lamprecht läuft und läuft. Zwischen fünf und zehn Kilometern pro Nacht. Es ist eine Arbeit der kurzen Einsätze und langen Wege. Hier und da ein Spruch zu den Kioskbetreibern oder den Technikern. Dazwischen eine Zigarette. Wenn er mal ums Stadion muss, nimmt er sein Dienstfahrrad.
Gegen 2:00 Uhr macht Lamprecht eine erste Pause. Schweißperlen stehen auf seiner Stirn. Doch wann er Feierabend hat, hängt nicht immer davon ab, wie schnell er arbeitet. Manchmal kommt er erst vor 5 Uhr morgens nach Hause. „Jetzt zum Beispiel kann ich  nichts mehr machen. Oben in der Loge sitzt der MV mit wichtigen Leuten und ich kann erst schließen, wenn alle draußen sind.“ MV, das ist Gerhard Mayer-Vorfelder, der Präsident des Deutschen Fußballbundes. Und den bittet man nicht eben mal vor die Tür. Auch wenn der Ausschank im VIP-Bereich schon vor zwei Stunden geschlossen hat.