Verloren im deutschen Konsumdschungel (AFP)

Rita Nikolow – 11. Dezember 2007 – 11:48
Benutzerbild von Rita Nikolow

Verloren im deutschen Konsumdschungel

Von Rita Nikolow, AFP - Dienstag, 30. Oktober, 16:08 Uhr

Berlin (AFP) - Versicherungen abschließen, das neue Auto finanzieren, eine Wohnung kaufen. Viele deutsche Verbraucher tun sich schwer angesichts der zahlreichen Konsum-Entscheidungen, die sie treffen müssen. Umso schwerer haben es viele Einwanderer, die mit sprachlichen und kulturellen Barrieren kämpfen. Nur wenige finden den Weg zu kompetenten Beratern. "Und wenn sie kommen, dann häufig mit Plastiktüten voll ungeöffneter Post", erzählt Tatiana Lima Curvelle, die für den Verbraucherzentrale Bundesverband eine Studie zum "Verbraucherschutz in der Einwanderungsgesellschaft" erstellt hat.

Neben der Sprachbarriere hätten viele zugewanderte Verbraucher es schwer, weil sie in die Großfamilie eingebunden seien und in ethnisch abgetrennten Gebieten lebten, erklärt Curvelle. So komme es immer wieder vor, dass Einwanderer völlig überteuerte Kredite bei einem Landsmann aufnehmen oder auf Anraten eines Familienmitgliedes eine Versicherung kaufen, die sie weder brauchen noch bezahlen könnten. Bei der Altersvorsorge komme es oft vor, dass die nötigen Papiere fehlten. "Die wurde oft schon vor Jahren weggeworfen", sagt Curvelle.

Verbraucher-Beratung nehmen nur wenige in Anspruch. Das Konsumverhalten vieler Türken stamme aus einer anderen Zeit, sagt Bülent Arslan, Leiter des Düsseldorfer imap-Instituts, das Konzepte zur Integration von Ausländern erstellt. "Viele Türken wurden durch ihre Erfahrungen im Anatolien der sechziger Jahre geprägt", erzählt der 32-Jährige, der seit seinem zweiten Lebensjahr in Deutschland lebt. In ihrem Kommunikationsverhalten legten Türken großen Wert auf Respekt und Zuneigung - und schließen deshalb häufig Verträge an der Haustür ab. "Es gilt als unhöflich, nein zusagen", erklärt Arslan.

Das Nein-Sagen fällt auch vielen russischsprachigen Migranten schwer, erzählt Viktor Hahn, vom Büro für interkulturelle Arbeit in Essen, der in Kasachstan geboren wurde und seit 30 Jahren in Deutschland lebt. "Viele unterschreiben den Vertrag an der Haustür und wollen wieder kündigen, wenn der Vertreter gegangen ist." Aus den Verträgen kommen sie dann häufig trotzdem nicht mehr heraus - weil sie "Kündigung" statt "Widerruf" schreiben.

In der russischsprachigen Gemeinde hält Hahn vor allem zwei Konsumgruppen für gefährdet, sich finanziell zu übernehmen. "Die Jungen, die im Alter zwischen 10 und 27 nach Deutschland kommen, sind sehr konsumhungrig", sagt er. Sie wollen alles so schnell wie möglich haben, haben aber kaum Geld." Zu finanziellen Problemen komme es dann oft mit dem ersten Handy-Vertrag.

Die zweite Konsumgruppe seien Menschen, die im Alter zwischen 28 und 45 nach Deutschland kommen. Diese Generation habe bei der Übersiedlung nach Deutschland am meisten verloren und wolle ihren sozialen Status durch Eigentum wiederherstellen - am liebsten durch Wohneigentum. "Jede Familie, die länger als sieben Jahre in Deutschland lebt, baut sich ein Haus", erklärt Hahn und beruft sich auf seine 52-köpfige Großfamilie. Wer sich kein Wohneigentum leisten könne, investiere in teure Autos. "Volkswagen ist das niedrigste Niveau. Ich fahre einen Ford, und werde ständig schief angesehen", sagt er.

Zur verbesserten Konsumfähigkeit der Migranten kann nach Ansicht von Tatiana Lima Curvello die zweite und dritte Einwanderergeneration beitragen. "Diese Generation ist kompetent und kann eine Brücke schlagen", sagt sie. Dann können künftig vielleicht auch Skandale wie der Anlagebetrug durch türkische Banden vermieden werden, der viele in Deutschland lebende Türken vor einigen Jahren um ihr Ersparnisse brachte. Die Beratungsstellen hatten diesen Anlagebetrug, der nach dem Schneeballsystem funktionierte, lange nicht wahrgenommen.