Vor der Klausur zur Urinprobe (Die Zeit)

Alexandra Busse – 26. Februar 2008 – 18:11
Benutzerbild von Alexandra Busse

Der Hirnforscher Stephan Schleim über Doping bei Prüfungen

Wo fängt Mind-Doping an? Schon beim Traubenzucker oder bei einer Tasse Kaffee oder erst bei Medikamenten?
Ich finde die Grenze zwischen natürlichen oder unnatürlichen Mitteln schwierig. Wenn wir das Koffein heute neu entdecken würden, wären wir demgegenüber wahrscheinlich genauso kritisch, wie wir es Psychopharmaka gegenüber sind.

Was bewirken die Mittel denn? Muss ich nicht mehr lernen, wenn ich Tabletten schlucke?
Die Wirkung der Medikamente ist höchst umstritten. Die Nebenwirkungen sind zum Teil massiv, zudem kann die leistungssteigernde Wirkung sogar ins Gegenteil umschlagen. Mit dem Mittel Ritalin haben Versuchspersonen in psychologischen Tests zwar neue Aufgaben schneller gelöst. Wenn die Probanden allerdings dieselbe Aufgabe ein weiteres Mal lösen sollten, schnitten sie schlechter ab als diejenigen Probanden, die nichts genommen hatten.

Woher kommt das?
Das Problem ist, dass man mit Ritalin dazu neigt, Fragen zu schnell zu beantworten, und deshalb mehr Fehler macht. An dem Mythos, den das Medikament umgibt, ist also nicht viel dran.

Warum glauben dann so viele Menschen, dass ihnen Ritalin bei Prüfungen geholfen hat?
Das Mittel verändert die Selbsteinschätzung. Wer es genommen hat, fühlt sich besser. Er ist es aber nicht unbedingt. Die Ergebnisse mit der Substanz Modafinil, die in Vigil enthalten ist und eigentlich gegen Schlafstörungen helfen soll, waren vielversprechender. Versuchspersonen, die das Mittel genommen hatten, konnten sich Zahlenfolgen besser merken als ohne das Medikament. Die Frage ist allerdings, ob sich das einmalige bessere Abschneiden in einem psychologischen Test auf erfolgreichere Klausuren übertragen lässt.

Außerdem wirken Medikamente nicht auf alle Menschen gleich.
Das stimmt. Ob man mit den Substanzen bessere Leistungen bringt, hängt auch davon ab, wie gut man im Normalzustand ist. Ein weiterer Test mit Modafinil hat ergeben, dass der Effekt nachlässt, je höher der Intelligenzquotient der Versuchsperson ist. Da Vigil und Ritalin eigentlich für Kranke gedacht sind, wurde bisher kaum untersucht, wie die Substanzen auf gesunde Menschen wirken.

Doping im Sport gibt es schon lange. Warum gibt es noch keine Mittel, die wirklich die Leistung des Gehirns verbessern?
Körperliche Leistungsdaten lassen sich leichter verbessern. Das Gehirn ist schon ein optimiertes System. Wenn es einen einfachen Weg gäbe, mehr herauszuholen, hätten wir das evolutionär wahrscheinlich schon erreicht.

Was schlagen Sie vor? Dopingkontrollen vor der Abiturprüfung?
Im Augenblick sind die Mittel wie gesagt noch nicht so wirksam. Aber wir sollten die Weichen für später stellen. Wenn man das Prinzip der Fairness aufrechterhalten möchte, gibt es zwei Möglichkeiten: Man müsste die Medikamente entweder allen zugänglich machen, wie Traubenzucker oder Koffein, oder allen verbieten. Und dann sollte man die Schüler vor der Abiturprüfung zur Urinprobe schicken.

Haben Sie selbst schon mal gedopt, um besser zu sein?
Ich habe nicht zufällig angefangen, mich mit dem Mind-Doping zu beschäftigen. Die Vorstellung, dann mehr leisten zu können, hat mich fasziniert. Allerdings habe ich nie eine der Substanzen ausprobiert. Das Thema hat für mich an Relevanz verloren, als mir klar wurde, wie wenig mit den heutigen Substanzen zu machen ist und auf was für einem wackligen Fundament die Daten ruhen.

Stephan Schleim hat Philosophie, Psychologie und Informatik studiert. Seit 2006 forscht er an der Universität Bonn zum Thema „Cognitive Enhacement“. Die Datenlage zu Mind-Doping in Deutschland ist dünn. Eine Studie des bayerischen
Gesundheitsministeriums ergab, dass etwa 35 000 Jugendliche im Freistaat regelmäßig Medikamente missbrauchen, um Stress zu bewältigen. Die Nebenwirkungen von Vigil reichen von häufigen Kopfschmerzen bis Depressionen. Der Konsum von Ritalin kann süchtig machen und Herzprobleme auslösen.