Wenn das Leben siegen will (Reportage)
Ein menschliches Ersatzteil wechselt den Besitzer
Erschienen in: Kieler Nachrichten - Journal am Wochenende am xx. Oktober 2006
Fast möchte man diese Niere sein, die da satt und rot liegt, das pralle Leben. Fast kann man sie leise und zufrieden schmatzen hören, wenn sie sich begierig mit Blut voll saugt. Dass es nicht mehr dasselbe ist, das sie in den letzten 57 Jahren gefiltert hat, bemerkt sie scheinbar nicht. Ohne Murren füllt sie die angebotene Lücke, nimmt sofort ihre Arbeit auf. Fast so, als hätte ihr die Zwangspause, als sie blutleer und gekühlt standby auf dem Wasserbett lag nur noch mehr Lust auf die neue Aufgabe und den neuen Körper gemacht.
Genau einen Monat vor ihrem 37. Geburtstag bekommt Vesna Caracic zum zweiten Mal das Leben geschenkt. Diesmal von ihrem Vater Vitomier. Als ihn seine ehemalige Frau im März 2006 telefonisch um eine Niere für die gemeinsame Tochter bittet, stimmt er spontan zu. Nur kurz berät er sich mit der Tochter aus zweiter Ehe, einer Ärztin. Danach zweifelt Vitomier Bantic nicht mehr. Er kann helfen und er tut es. Vaterliebe, grenzenlos.
Nun, da die Entscheidung getroffen ist, geht alles ganz schnell. An einem heißen Juni-Mittwoch, nur vier Monate nach dem Hilferuf der Mutter, wird er morgens in den Operationssaal geschoben. Es ist 8.46 Uhr, der 15- Zentimeter-Schnitt in seiner linken Lende wird gesetzt. Vitomiers Kopf und Körper sind unter Tüchern verborgen. Er liegt auf der rechten Seite, unter seiner Taille ein Stützkissen, damit die Lende zur Entnahme überstreckt ist. Nur sie liegt frei, ist rot von Jod, das großflächig zur Keimabtötung aufgetragen wurde. Das stetige Piepsen der Überwachungsmonitore für Puls und Sauerstoff und das Klappern der Instrumente sind die einzigen Geräusche im Saal. Das fünfköpfige Operationsteam arbeitet schnell, konzentriert und routiniert. Die Hände des Operateurs verschwinden manchmal bis zum Handgelenk in der Wunde. Fast blind arbeitet er in der Öffnung, die gerade genug Platz für seine Hand bietet. Wenn er an den Wundrändern zieht, gibt die Haut elastisch nach, federt zurück, als ob der Körper schon jetzt die faustgroße Lücke schließen möchte. Um 10.00 Uhr wird die Niere entnommen, zehn Minuten später ist das Loch in Vitomiers Körper vernäht, die Anästhesistin holt ihn zurück ins Leben. Langsam wacht er auf, der Beatmungsschlauch wird entfernt, die Lider fangen an zu zittern und schließlich öffnet er verwirrt die Augen. Er weiß nicht, wo er ist. Eine einzelne Träne rollt aus seinem Auge. Dann wird er aus dem Saal in den Aufwachraum gebracht, wo er einige Stunden später seine Tochter mit ihrer neuen – seiner - Niere wiedersehen wird.
Von Geburt an hatte Vesna Probleme mit den Nieren. Das Organ auf der linken Seite arbeitete nicht, wurde später aus ihrem Körper entfernt. Ihre zweite Niere arbeitete vorerst gut, mit 70 Prozent Leistungsfähigkeit. Unter normalen Umständen kann ein Mensch damit ohne Probleme sein ganzes Leben lang auskommen. Auch Vesna lebte normal, heiratete, bekam zwei Kinder. Doch immer wieder kam es bei ihr zu bakteriellen Harnwegsinfektionen, Zysten bildeten sich, die Niere wurde zunehmend belastet und stellte im Februar 2006 ihre Arbeit ein. Die Folge: Vesna wurde dialysepflichtig. Für sie bedeutete das in der Realität tägliche Blutwäsche über das Bauchfell. Eher ungewöhnlich, denn bei vielen Dialyse-Patienten ist es möglich, den für die Blutreinigung dauerhaft erforderlichen Zugang über einen Shunt herzustellen. Dieser kanülenartige Einsatz wird im Unterarm zwischen Arterie und Vene platziert und ermöglicht die Blutwäsche im zwei bis drei Tages Rhythmus. Vesna hingegen musste sich alle vier Stunden an die Dialyse hängen, vier bis sechs Mal am Tag. Die Prozedur machte sie müde und schlapp, ihr Bauch schwoll durch die eingepumpte Flüssigkeit auf, als ob sie im neunten Monat schwanger wäre. Sie konnte schlecht sitzen und stehen, kam deshalb nicht mehr aus dem Bett heraus.
Ihre Mutter Vera Bodroza machte sich zunehmend Sorgen um ihr einziges Kind, traf die Entscheidung, ihr eine Niere spenden zu wollen. Doch sie selbst ist gesundheitlich nicht fit genug, nach drei Bypass-Operationen kommt sie für eine Spende nicht in Frage. In ihrer Sorge rief sie den Vater an. Vesna wusste davon nichts, hätte auch niemals nach einem Organ aus der Familie gefragt. Das ist nicht ihr Stil, sie ist eine Kämpferin, lässt sich nicht so leicht unterkriegen. Als sie erfuhr, dass ihr Vater spenden will, galt ihre erste Sorge ihm. Vitomier hat noch einen kleinen fünfjährigen Sohn, der seinen Vater braucht. Die gründlichen Untersuchungen, denen sich die Spender unterziehen müssen, fördern häufig Erkrankungen zu Tage, von denen der Spender nichts weiß und vielleicht auch nichts wissen will. Doch der kleine, drahtige Vitomier ist kerngesund. Das größte Risiko, das er eingeht, ist die Operation selbst. Über das Loch, das die Entnahme seiner linken Niere in seinen Körper reißt, macht er sich keine Gedanken. Schließlich kann er so die vielleicht schwerwiegendere Lücke im Leben seiner Tochter schließen und erspart ihr das lange und beschwerliche Warten auf ein Spender-Organ, eine Leichen-Niere. In der von der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) geführten Warteliste hätte Vesna in ihrer Alterskategorie zwischen sechs und acht Jahre auf eine Spenderniere gewartet.
Noch länger hat es bei Peter Kreilkamp gedauert. Für ihn stand kein Vitomier und keine Familienspende zur Verfügung. Achteinhalb Jahre wartete er, achteinhalb Jahre Dialyse, bis endlich ein Organ für den ehemaligen Bundeswehrsoldat gefunden war. Heute sitzt der großgewachsene Mann an einem heißen Sommertag in einem Straßencafé und nippt an seinem Sprudelwasser. Dass er eine Spenderniere trägt, kann man höchsten dann erahnen, wenn er einem der vielen Franzosen winkt, die flaggenschwenkend auf der Leopoldstraße den Sieg ihrer Fußball-Mannschaft fordern. Denn wenn er winkt, rutscht sein linker Hemdsärmel ein bisschen hoch, dann sieht man die blassen vernarbten Spuren auf seinem Unterarm, dort, wo sein Dialyse-Shunt einmal saß.
Seit dem 14. Juni 2003 braucht Peter Kreilkamp seinen Shunt und die Dialyse nicht mehr. Seit diesem Tag trägt er die Niere einer jungen Frau in seinem Körper. Er muss keine Sekunde überlegen, wenn er den Termin der Transplantation nennen soll. Zweimal hat er seitdem einen Brief über die DSO an die Familie der Spenderin geschickt, um den Angehörigen zu berichten, wie gut es ihm geht, wie sehr er die neu gewonnene Lebensqualität schätzt. Mit diesen Briefen, die er jährlich schicken möchte, will er ihnen sagen, was er mit seinem zweiten Leben anfängt. Dass er dem Verein TransDia beigetreten ist; einer Vereinigung für Organtransplantierte und Dialysepatienten, die jedem Betroffenen aktiv beibringt, dass man immer noch in der Lage ist, „drei Runden um den Sportplatz zu laufen oder ins Schwimmbad zu springen, ohne gleich abzusaufen“. Dass er 50m Freistil in knapp über 30 Sekunden schwimmt und auf der nächsten Europameisterschaft der Organtransplantierten mehrere Schwimmtitel zu verteidigen hat. Dass bei den Angehörigen durch den Tod des geliebten Menschen eine große Lücke gerissen wurde, dass aber die Lücke im Leben eines anderen Menschen geschlossen werden konnte und dieser Mensch sehr verantwortungsbewusst mit seiner neuen Chance umgeht.
So, wie Peter Kreilkamp das tut. Es ärgert ihn, wenn Organempfänger schlampig mit der Medikamenteneinnahme umgehen oder sich gehen lassen. Sicherlich steigere das Cortison, dass er einnehmen muss, seinen Appetit. Aber die Schokolade stecke sich der Patient schließlich immer noch selber in den Mund. Die Medikamente, die er seit der Operation täglich einnehmen muss, nimmt er klaglos und hat bisher keine Nebenwirkungen. Lediglich ein kleiner grippaler Infekt im vergangenen Winter gab kurz Anlass zur Sorge. Bei Transplantierten, die dauerhaft Medikamente zur Unterdrückung des Immunsystems einnehmen müssen, kann ein solcher Infekt harmlos verlaufen; er kann aber auch das erste Anzeichen für eine Abstoßungsreaktion sein und muss deshalb genau kontrolliert werden. Kein Klagen und kein Jammern, den Blick nach vorn gerichtet strahlt er und man glaubt ihm, wenn er sagt, dass er seine neue Niere mit ins Grab nehmen wird. Mit einem verschmitzten Grinsen fügt er noch an: „Und das sicherlich nicht so bald!“
Aus seiner Sicht ist die Organspende von Hirntoten die optimale medizinische Lösung für Menschen mit Organversagen. Einem Lebenden etwas wegzunehmen, um das Loch in einem anderen, kranken Körper zu stopfen, könne nur der zweitbeste Weg sein. Vesnas Vater kann er zwar verstehen denn gespendet hätte er für seine drei Söhne auch, aber richtig findet er den Zugriff auf ein lebendes menschliches Ersatzteillager nicht. Als Leichenorganempfänger ist er überzeugter Organspender und trägt einen Spendeausweis mit sich, genauso, wie der Rest seiner Familie. „Wenn man seine Organe nicht mehr benötigt, weil der Hirntod eingetreten ist, warum dann nicht einer Person auf der Warteliste helfen?“
Bei solchen Sätzen läuft es Renate Greinert kalt den Rücken hinunter. Als Mutter eines vor 21 Jahren verunglückten Spenders sind Begriffe wie Organspende, Hirntod, Tod auf der Warteliste für sie absolute Reizwörter. 1985 verunglückte ihr damals 15-jähriger Sohn Christian auf dem Schulweg. Mit dem Rettungshubschrauber wurde er in die Medizinische Hochschule Hannover geflogen. Dort fanden ihn seine Eltern nur wenige Stunden nach dem Unfall, angeschlossen an Monitore, Kanülen, Infusionen und Urinbeutel. Christian trug nur kleine äußerliche Verletzungen an der Stirn und im Gesicht, litt jedoch unter starken Hirnblutungen. Die Ärzte machten den Eltern wenig Hoffnung, doch eine Mutter hört nie auf zu hoffen. Für sie war Christian noch da, er hatte zwar die Augen geschlossen, aber er war warm, er atmete, also lebte er. Seine Mutter saß an seinem Bett, konnte die Schwere seiner Verletzungen nicht begreifen, hoffte auf ein Wunder. Doch statt einer positiven Nachricht brachten die Ärzte nach bangen Stunden des Wartens und Hoffens die schreckliche Gewissheit: Christian war hirntot. Doch nicht genug, wurden die Eltern sofort mit der für sie schwierigsten Frage ihres Lebens konfrontiert: würden sie zustimmen, dass Christian seine Organe spendet? Würden die Greinerts ihren toten Christian freigeben, damit andere Menschen weiterleben können?
In diesem Moment über eine Organspende entscheiden zu müssen, das sagen selbst routinierte Transplantationsärzte, ist der maximal schlechteste Zeitpunkt. Insbesondere, wenn die Betroffenen sich vorher noch nie Gedanken zu diesem Thema gemacht haben. Auch die Eltern Greinert waren vor den Kopf geschlagen. Der Arzt fragte sie, ob Christian ein sozialer Typ gewesen war. Seine Mutter wusste es in diesem Augenblick nicht mehr. „Er war ein ganz normaler, pubertierender 15jähriger, der sich mit seiner Schwester um ein Bonbon stritt.“ Ob er sich für oder gegen eine Organspende ausgesprochen hätte, sie wusste es nicht. Woher auch. Welche Familie, die nicht einen Organkranken in ihrem näheren Umfeld hat, beschäftigt sich mit solchen Fragestellungen? Da saßen die Eltern nun, hatten gerade ihren Sohn verloren, konnten das nicht begreifen, denn er atmete doch noch, er war warm. Wie konnte er da tot sein? Heute sagt Renate Greinert, Organspende sei ein falsches Wort. Die Eltern stimmten damals zwar zu, letztendlich hätten die Ärzte Christian seine Organe aber einfach weggenommen. Organwegnahme träfe es deshalb besser. Sie will es nicht direkt sagen, aber der Vergleich zum ausgeweideten Tier drängte sich ihr auf, als sie ihren Sohn nach der Entnahme in seinem Sarg liegen sah. Bestürzt wendete sie sich ab. Was hatte sie mit ihrem Kind machen lassen? Diese Frage geht Renate Greinert seit 21 Jahren nicht mehr aus dem Kopf.
Sie war sich nicht bewusst, dass eine Organentnahme eine weitere Operation für ihren Sohn nach sich zog. Die schwerste seines kurzen Lebens. Heute sagt sie, dass sie sich trotz des Schocks hätte klar machen müssen, dass ihr Sohn in seinem schwächsten Moment, im Moment des Sterbens, die Hilfe seiner Mutter brauchte. Mutterliebe, grenzenlos, hat sie versagt? Stattdessen habe sie Ja gesagt, habe so Christians Leid vergrößert. Dieser Selbstvorwurf quält sie seitdem. „Mein Sohn hatte eine beschissene Sterbequalität“, sagt sie auch nach all den Jahren mit einem emotionsgeladenen Zittern in der Stimme. Heute kämpft sie gegen die Organspende, gegen die ihrer Meinung nach mangelhafte Aufklärung über das, was tatsächlich hinter geschlossenen OP-Türen mit den Hirntoten geschieht. Ihren Punkt macht sie mit wenigen Worten deutlich: Niemand dürfe schneller sterben müssen, nur weil eine andere Person, die Person auf der Warteliste, nicht sterben will. Welches Recht hätte der Wartende, einen der intimsten Momente des Lebens, das Hinübergleiten in den Tod, einem anderen Menschen aus Eigennutz wegzunehmen. Niemand könne heute sagen, wie genau Sterben abläuft, ob und inwieweit der Hirntote noch Empfindungen hat, was genau er fühlt. 17 Tests bei Männern und 14 bei Frauen sind in Deutschland Vorschrift, um herauszufinden, ob ein Patient für hirntot erklärt werden kann.
Hätte Renate Greinert heute nochmals über die Sterbequalität ihres Sohnes zu entscheiden, ihre Antwort wäre ein klares Nein zur Organentnahme. Genauso wenig würde sie ein Organ akzeptieren, wenn sie eines bräuchte oder einem ihrer fünf anderen Kinder eines abgeben. Keine mangelnde Mutterliebe, sondern Philosophie. Sie teilte alles mit ihren Kindern: zuerst den Körper, dann die Nahrung. Schließlich Bett, Zeit, Gedanken, Auto und im Falle ihrer Töchter auch die Kleidung. Man könne nicht Gutes tun, wenn man gleichzeitig jemand anderem schadet. Die religiöse Frau zitiert aus der Bibel: „Und liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“ Wie sehr könne man sich eigentlich selber lieben, wenn man seinen Körper als Recyclingobjekt zur Verfügung stelle?
Vitomier fühlt sich weder als Recyclingobjekt noch als Ersatzteillager seiner Tochter. Er fühlt sich auch nicht als Held, will kein Lob für seine Tat. Wenn ihm eine Krankenschwester oder ein Pfleger nach der OP auf dem Flur begegnet, ihm freundlich zulächelt, wird er verlegen. Ganz und gar zappelig wird er, wenn er erzählen soll, wie die Entscheidung zur Nierenspende zustande kam. Als die Krankenschwester ihm sein Mittagessen serviert, ist er ein bisschen erleichtert, das Gesicht hinter einer großen Gabel Gemüse-Dreierlei verstecken zu können. Er würde es wieder tun, hätte er noch mehr Organe zu geben. Für seine Familie und seine Kinder jederzeit, aber nicht als Toter. Organspende kommt nicht für ihn in Frage, davor hätte er Angst. Vitomier mag das Leben, über den Tod spricht er nicht gern. Das Loch in seinem Körper merke er kaum noch, sagt er und stützt die Hand in die Lende, dorthin, wo einmal seine Niere saß. Ihm fehle nichts, vielleicht ein bisschen Gewicht. Dafür jedoch hätte er an Größe gewonnen: „Als Vater bin ich um zwei Zentimeter gewachsen“, das sei besser als die 150 Gramm, die er vor fünf Tagen im OP für seine Tochter zurückgelassen hat.
Knappe zwei Stunden hat seine Niere dort auf seine Tochter gewartet. Einmal entnommen, wurde das Organ mit einer Flüssigkeit durchspült, die derer in menschlichen Zellen ähnlich ist. Das rote Organ färbt sich zuerst rosa, wird dann weiß. Die Spüllösung ist kalt. So wie Vitomier zuvor, wird nun seine Niere für die nächsten Stunden schlafen gelegt. Ganz komfortabel auf einem Wasserbett unter einem sterilen Tuch. Sie sieht jetzt aus wie eine weiße, überproportional dicke, blasse Bohne, 4x7x11 Zentimeter groß.Um 12.10 wird Vesna in den OP gebracht. Im Gegensatz zu ihrem Vater erhält sie einen Bauchschnitt, denn ihre neue Niere wird in der Bauchhöhle untergebracht, zusätzlich zu ihrem eigenen, streikenden Organ. Eine normale Prozedur. Spendenempfänger haben üblicherweise drei Nieren im Körper. Selbst wenn die Leistung der geschädigten Organe minimal ist, können sie doch unterstützend für den Organismus sein. Drei Verbindungen müssen in Vesnas Bauch noch geknüpft werden, damit das Organ tadellos funktioniert.
Der Anschluss an die Vene, die sauerstoffarmes Blut zurück zum Herz transportiert, wird zuerst gelegt. Dann folgt die Arterie. Die Bauchschlagader wird abgeklemmt, eine winzige Öffnung hineingeschnitten, an dem der arterielle Zugang der Niere wie in einer T-Kreuzung angedockt wird. Filigran-Arbeit für den Chirurgen, der mit unendlicher Geduld die feinen Nähte setzt. 35 Minuten dauert der Anschluss der Arterie. Dann wird die abgeklemmte Bauchschlagader geöffnet und im Takt des Herzens fließt Blut in die Niere. Doch die T-Kreuzung ist noch nicht perfekt. Pulsierend schießt das Blut aus einer kleinen Öffnung, die schnell von einer Naht verschlossen wird. Im selben Moment und bevor der dritte Anschluss der Niere an die Blase genäht ist, fängt das Organ an zu arbeiten, produziert Urin. Die Freude über diesen Moment ist förmlich greifbar im OP-Saal, auch unter den routinierten Chirurgen. Einige Augenblicke lang beschäftigt sich das Team nur noch damit, den Urin aufzutupfen, schaut dem Organ irgendwie fasziniert bei seiner Arbeit zu. In diesem Moment vergessen alle scheinbar das Piepen der Monitore, vergessen für einen kurzen Augenblick, weiterzumachen. Fast möchte man einfach mit der roten, satten, zufriedenen Niere um die Wette schmatzen.

